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BNN 20.09.2011

BNN 11.04.2011
Lehrstunde der Jazzgeschichte
Bixology gibt ein furioses Konzert im Ettlinger Jazzkeller

Text von Heinz Klusch

Als die Herren Dold, Binder und Ladwig - adrett im Stil der „Goldenen Zwanziger" gekleidet - am Freitagabend auf das Podium des Ettlinger Jazzclubs traten, ahnte wohl kaum einer der Zuhörer, was nun auf ihn zukommen sollte: Ein furioses Konzert und zugleich eine Lehrstunde in Jazzgeschichte. Denn das Projekt „Bixology" der drei Musiker war einem der frühen Ausnahmekönner des Jazz gewidmet: dem Kornettisten und Pianisten Bix Beiderbecke (1903 bis 1931).
Das Trio nahm seine Aufgabe mit einer ziemlich ausgefallenen Besetzung in Angriff. Das machte Sinn, weil hier drei technisch hervorragende Solisten am Werk waren: Helmut Dold präsentierte vom Kornett bis zum Flügelhorn alle Spielarten der Trompete und schaffte es im Zusammenspiel mit Bandleader Udo Ladwig am beeindruckend großen Basssaxofon mühelos, einen ganzen Bläsersatz zu simulieren. Wenn er solistisch unterwegs war, dann übernahm der brillante Gitarrist Lothar Binder die Rhythmusarbeit.
Das Projekt funktionierte auch deshalb hervorragend, weil sich die Musiker eingehend und ernsthaft mit der Person und der Musik des Bix Beiderbecke auseinandergesetzt hatten. Etwa die Sache mit den „falschen" Tönen. Der junge Bix hatte sich die Harmonien und die Spielweise des Kornetts autodidaktisch und ohne Notenkenntnise beigebracht. Das ergab einige wahrhaft abenteuerliche Griffe - Helmut Dold führte es gleich vor - und einen ganz persönlichen Klang. Gleichzeitig brachte er seine Mitspieler regelmäßig zur Verzweiflung, weil er ein Solo beim zweiten Mal ganz anders spielte.
Uwe Ladwig hat auch eine einleuchtende Erklärung dafür, dass Beiderbecke vor allem von den Musikern der moderneren Stilrichtungen hoch geschätzt wurde, im traditionellen Repertoire heutzutage aber kaum vorkommt: „Mit seiner Spielweise und seinen rhythmischen Verfeinerungen war er seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Viele seiner Titel sind für die Oldtimemusiker zudem schlicht zu schwer."
Das trifft auf „Bixology" sicher nicht zu: Die Interpretationen auch eher unbekannter Stücke wie „Rhythm king" oder „My Pretty Girl" waren mitreißend und auch so abgespielte Dixie-Klassiker wie „Sweet Sue" oder der „Sheik Of Araby" klangen taufrisch. Zwischen den Musiknummern ließ Helmut Dold das kurze Leben von Bix Beiderbecke Revue passieren, der neben dem Jazz leider auch vom Alkohol besessen war. Das führte zu einem körperlichen Zusammenbruch und dem Tod im Alter von 28 Jahren. Insgesamt war das Konzert ein erstklassiger Beweis dafür, wie man heute vorbildlich mit Oldtime-Jazz umgeht: Eine eigene Herangehensweise und ein absoluter Respekt vor den Vorlagen.
Wohltuend war auch, dass sich die genreüblichen Späße strikt auf die Ansagen von Helmut Dold beschränkten, dessen selbstironische Sottisen auch vor den Kollegen nicht haltmachten. Völlig zu Recht verließ sich das Trio ansonsten auf die Kraft der Musik. H. Klusch

BNN 18.03.2011
Moss neu an der Spitze
Bernhard Henkel ist Ehrenmitglied 

Werner Mayer hört krankheitsbedingt auf

Ettlingen (wm). Der Ettlinger Jazzclub zählt aktuell 369 Mitglieder und konnte trotz des leichten Mitgliederschwunds wieder auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr mit stabilen Finanzen zurückblicken – primär Dank des ausverkauften Chameleon XXL-Konzerts im März vergangenen Jahres in der Stadthalle. Die rückläufige Mitgliederzahl ist hauptsächlich durch die Altersstruktur der Mitglieder zu erklären. Deshalb arbeiten die Verantwortlichen des Clubs seit geraumer Zeit emsig an diesem Problem. Die Programmreihe Discover Young Jazz und ein zeitgemäßer Flyer (statt des bisherigen Programmheftes) sind erste Ergebnisse dieser Bemühungen. So natürlich auch die Veranstaltungen Jazz für Kinder in den vergangenen Jahren, wofür den Mitgliedern Bernhard Henkel (langjähriger Vorsitzender des Jazzverbands BW) und seiner Frau Rosi (Geschäftsführerin des Verbands) für ihr großes Engagement zum Wohle der Jazzclubs in Baden-Württemberg die Ehrenmitgliedschaft verliehen wurde. Henkel hat die 
Nachwuchsproblematik im Jazzbereich schon lange erkannt und konnte für die Jazzjugendförderung Landesmittel „locker machen“. 

Der langjährige Vorsitzende des Vereins, Werner Mayer, übergab krankheitsbedingt seine Amtsgeschäfte an seinen Stellvertreter David Moss und konnte auch schon bezüglich einer zukünftigen Neustruktur des Vorstands zwei potenzielle Vorstandsmitglieder aus den Reihen des Vereins präsentieren: Michael Zacherle arbeitet sich in die Aufgaben des stellvertretenden Vorsitzenden ein und Daniel Schneider unterstützt David Moss bei der Programmgestaltung. Damit sind die Weichen für anstehende Neuwahlen in 2012 gestellt und der Fortbestand des Jazz-Clubs ist 
gesichert.

BNN 22.02.2011
Vertretung kommt wieder
„Barbara Bürkle & Friends": Premiere im „Birdland59"

Text von Heinz Klusch

Eigentlich sollte Ariane Jacobi im „Birdland59" auftreten, aber zwei Tage zuvor bekam die Sängerin hohes Fieber und die Stimme war weg. Hiobsbotschaft für den Birdland-Programmplaner David Moss. Aber innerhalb einer Stunde hatte Moss mit der Stuttgarter Sängerin Barbara Bürkle - sie war erst für November gebucht - einen adäquaten gefunden. Und weil ihre Stammformation nicht verfügbar war, stellte er gleich noch ein neues Begleitquartett zusammen.

So gab es im „Birdland"-Keller mit „Barbara Bürkle & Friends" eine veritable Premiere, denn in dieser Zusammenstellung waren die Akteure noch nie auf getreten. Die „Friends" - neben den Damen Gee Hye Lee (Klavier) und Lindy Huppertsberg (Bass) noch die Herren Jürgen Bothmer (Saxofon) und Axel Pape am Schlagzeug - begleiteten die Sängerin souverän und sicher. Dass man sich inhaltlich auf das Feld der Standards aus der amerikanischen Populärmusik beschränkte, hatte einen sehr naheliegenden Grund. Man wolle dem Publikum im sehr gut besuchten „Birdland"-Keller das bieten, so Barbara Bürkle, was es sich von Ariane Jacobi versprochen hatte. So gab es denn eine große Prise von Cole Porter und Kollegen, versetzt durch Anleihen bei der Jazzmoderne wie „Boplicity" oder „In Walked Bud" von Thelonious Monk. Bei all diesen Nummern, vor allem bei der wunderschön gesungene Ballade „Save Your Love For Me", bewies Barbara Bürkle, dass sie in den mittleren Lagen über eine ausdrucksstarke Stimme verfügt.

Die Band hatte keinerlei Schwierigkeiten mitzuhalten. Dabei erwies sich Jürgen Bothmer als solistisches Schwergewicht zulasten der südkoreanischen Pianistin Gee Hye Lee, von der man in manchen Titeln gern etwas mehr gehört hätte. Das gilt auch für Bass und Schlagzeug, die sich vorwiegend auf solide Begleitung verlegten. Nachdem sie also als „Krankheitsvertretung" diesen Abend gerettet hat - es gab viel Applaus - kommt Barbara Bürkle erneut in den Club, mit der Stammbegleitung und eigenen Arrangements. Man darf gespannt sein.

BNN 21.01.2011
Beatles-Hit in luftiger Jazzhöh
Im Ettlinger „Birdland59" gastierte Johannes-Arzberger-Trio

Text von Heinz Klusch

Irgendwie scheint es zwischen den Programmgestaltern des Ettlinger Jazz-clubs, den Jazzfans und den Musikern ein kleines Kommunikationsproblem zu geben. Immer wenn die Reihe „Discover Young Jazz" angesagt ist, denken die Stammgäste, da kommen wilde junge Solisten, die mit viel Elektronik geräuschvolle Klänge produzieren, und bleiben zu Hause. 
Umgekehrt wollen viele junge Musiker dann auch nicht avantgardistisch in die Vollen greifen. Sei es, dass sie Gerüchten glauben, in Ettlingen sei man der Moderne nicht so aufgeschlossen. Oder weil der schöne Flügel im „Birdland" steht. 

Genau dies passierte am Freitagabend, als Johannes Arzberger mit seinem Trio gastierte. „Wenn man die Möglichkeit hat, wieder mal in der klassischen Triobesetzung zu spielen, dann nützt man das gerne aus", erklärte der junge Pianist und ließ sein E-Piano weg. Parallel wechselte Konrad Plasberg zum akustischen Bass und lediglich der rhythmisch ungemein präzise Schlagzeuger Bino Engelmann musste sich nicht umorientieren.
Dieser Wechsel der Instrumente hatte Auswirkungen auf den musikalischen Gehalt, und zwar sehr positive. 

Denn statt der im Programm formulierten Genreschublade „Jazz-Funk-Breakbeat" gab es zunächst einmal relativ konventionellen Triojazz mit einer Mischung aus modernen Standards wie „Jordu" oder der schönen Ballade „Beatrice" und eigenen Werken mit Titeln wie „Zero" oder „Box 3". 
Dabei wurden schnell zwei Dinge hörbar. Zum einen verfügen die drei aus Oldenburg stammenden jungen Musiker über ein tolles Gespür für Improvisation und Timing. Zum anderen haben sie sich dem jazzigen Mainstream nicht historisch vom Bebop her angenähert, sondern als „Quereinsteiger" vom Pop und Funkrock. 

Dass das kein Nachteil sein muss, bewies das letzte Drittel des Konzerts. 
Da entsicherte Konrad Blasberg seinen E-Bass und brachte sich nun etwas lautstärker in rhythmisch expressive, kraftvoll interpretierte Funknummern ein. Da gab es dann wieder eigene Werke, dazu mit der Sting-Nummer „Sister Moon" eine gelungene Anleihe aus der Popmusik. Und ganz zum Schluss bewiesen Arzberger und Kollegen, dass man sogar einen Beatles-Oldie wie „Come Together" in luftig-jazzige Höhen überführen kann. Spätestens dann waren die Besucher im halbvollen Keller davon überzeugt, dass „Discover Young Jazz" keine Drohung sein muss. hgk

2010

BNN 23.11.2010

Interessante Ansätze 
Sextett „Jazzcoast“ im Ettlinger Birdland-Keller

Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Manche Dinge brauchen wohl etwas Anlaufzeit. Denn auch beim zweiten Auftritt der Konzertreihe „Discover Young Jazz“ strömten die Zuhörer am Freitagabend nicht gerade in Scharen in den Ettlinger Jazzclub. Dabei mag auch das Vorurteil eine Rolle gespielt haben, dass hier junge Musiker die Jazzgeschichte neu erfinden wollen und die tonale Anarchie ausrufen. Genau das Gegenteil war nämlich der Fall: Das Sextett „Jazzcoast“ verneigte sich ehrfürchtig vor den Klassikern ihres Genres, dem Westcoast- Jazz, der ab Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts von weißen Musikern an der amerikanischen Westküste – aber nicht nur dort – aus dem Cool Jazz heraus entwickelt wurde.

Besagte Ehrfurcht ließ sich auch optisch festmachen, denn die sechs Musiker hatten sich für den Auftritt eigens in den feinen Zwirn gewandet. Die Erklärung des Gitarristen Stefan Degner für das Outfit: „Wir wollen damit unsere Wertschätzung für die Musik und für die Zuhörer ausdrücken, denn jedes Konzert ist für uns etwas Besonderes.“ Degner setzte übrigens mit ausgefeilten Soli einige instrumentale Glanzlichter. Und hätte es noch eines Beweises bedurft, welche Musiker ihn stark inspiriert haben, dann beseitigte der von ihm komponierte Titel „A Kessel full of Raney“ im zweiten Set alle Zweifel: Barney Kessel und Jimmy Raney gehörten zu den einflussreichsten Gitarristen des Cool Jazz.

Im ersten Teil des Abends waren Standards wie Clifford Browns „Joy Spring“ oder „Round midnight“ angesagt, wobei man auch einmal Werke aus anderen Epochen – Duke Ellingtons „Solitude“ war ein schönes Beispiel – für die Band arrangiert hatte. Konkret bedeutete das, dass der kompakte Bläsersatz (Stefan Koschitzki, Altsaxophon; Hubert Winter (Tenorsaxophon) und Felix Fromm an der Posaune) die Themen zusammen mit der Gitarre aufbereitete und sich die Soloarbeit aufteilte. Für das rhythmische Fundament waren Bassist Max Braun und der Schlagzeuger Jan-Philipp Wiesmann zuständig.

Im zweiten Teil gab es dann eigene Kompositionen der Bandmitglieder. Den programmatischen Ansatz hatte Stefan Degner in der Pause so erklärt: „Wir wollen die Klangästhetik des Westcoast-Jazz in die Jetztzeit transponieren.“
Hörbar wurde dabei eine Verlagerung des Schwerpunkts: Weg vom gepflegten Wohlklang der Klassiker, für die die ausgefeilte Komposition immer wichtiger gewesen war, hin zu mehr improvisatorischer Freiheit, was dann auch einige mehr expressive Soli vor allem der Bläser einschloss. Das war ein interessanter Ansatz, der sehr wohl ausbaufähig ist. hgk 

Heinz Klusch

 

BNN 03.11.2010
Zuhörer waren hingerissen
Der Swinggitarrist Howard Alden im Ettlinger Jazzkeller

Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Jazzfans, die gerne ins Kino gehen, lieben natürlich Woody Aliens „Sweet And Lowdown“ aus dem Jahr 1999, eine Liebeserklärung an die Swingära, in der Sean Penn einen (fiktiven) Jazzgitarristen spielte. „Dick Hyman, der musikalische Leiter, rief mich an“, erzählt Howard Alden, „ich sollte einige Titel schreiben und Sean Penn den fachgerechten Umgang mit der Gitarre beibringen. Nur hatte der Mime noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt.“

Aus ein paar vorgesehenen Tagen wurde eine intensive sechsmonatige Zusammenarbeit, weil Penn den Unterricht sehr ernst nahm. Schmunzelnd überliefert Alden die Reaktion Woody Allens, als der zufällig mitbekam, dass Penn richtig spielen konnte: „Um Gottes Willen, du brauchst doch nicht Gitarre zu können, du sollst sie bloß richtig halten.“ Diese Geschichte erzählt Howard Alden völlig entspannt in der Pause seines Konzerts im Ettlinger Jazzclub. Es ist ihm absolut nicht anzumerken, dass er gerade im ersten Teil über eine Stunde lang ein atemberaubendes Gitarren-Feuerwerk abgeliefert hat; der Auftritt zusammen mit dem „Hiptet“ des Saxofonisten Frank Roberscheuten sollte dann noch bis kurz vor Mitternacht dauern.

Aldens musikalische Heimat ist die Swingära: „Der Swing ist für mich eine glücklich machende Musik, die Rhythmus mit Gefühl und einer positiven Grundeinstellung verbindet. Und der Swing liefert mir sehr viel Raum für Improvisationen.“ Und diesen Freiraum nützte der Gitarrist denn auch bei Standards wie Cole Porters „It's Alright With Me“ oder „Cheek To Cheek“ von Irving Berlin weidlich aus. Seine makellose Technik ermöglichte ihm atembe-raubende Läufe von selten zu hörender Schönheit. Mehr noch: Der Ausnahmesolist ist auch ein Teamplayer: Wenn die Kollegen solistisch aktiv waren, ordnete er sich selbstverständlich in die Rhythmussektion ein und lieferte die passenden Akkorde.

So bestätigte Alden mit jeder Note die Einschätzung, der „derzeit weltweit beste Swinggitarrist“ zu sein - so David Moss bei der Begrüßung im nahezu vollen „Birdland59“-Keller. Dass der Auftritt aber zum vorläufigen Saisonhöhepunkt wurde, lag natürlich auch an dem begleitenden Trio, das mit Frank Roberscheuten (Saxofon, Klarinette), Olaf Polziehn (Klavier) und Ingmar Heller (Bass) - hochklassig besetzt war. Da wurde auf hohem Niveau improvisiert, vor allem aber verstärkte sich der Eindruck, dass die musikalische Chemie zwischen den Musikern stimmte. Und dann stieg jeweils zum Ende des Sets noch die Sängerin Shaunette Hildabrand ins „Hiptet“ ein: klassisch ausgebildet, viel Jazzgefühl und ein traumhaftes Händchen bei der Auswahl der zu ihrer Stimme passenden Standards.

Da geriet dann die Uraltnummer „Tea For Two“ zu einem der Glanzlichter dieses an Höhepunkten reichen Konzerts. Es begann als charmant verschleppte Ballade, dann drückte Howard Alden aufs Tempo und diverse Soli später endete das Stück damit, dass Stimme und Saxofon unisono improvisierten. Die Zuhörer waren zu Recht hingerissen - einige hatten gar ein völlig neues Hörerlebnis: „Eigentlich gehört für mich ein Schlagzeug dazu“, so der Kommentar eines Stammgastes, „aber bei den guten Musikern fällt gar nicht auf, dass es fehlt.“

Heinz Klusch

 

BNN 19.10.2010
Ein spannendes Konzert
Elisabeth Lohninger und Beat Kaestli glänzen im Birdland59

Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Sei es dem bescheidenen Budget oder der Neugier für bislang noch unbelegte Schubladen geschuldet: Das Programm des Ettlnger Jazz-Clubs Birdland59 ist immer für eine Überraschung gut. So gab es jetzt die Möglichkeit, mit Elisabeth Lohninger und Beat Kaestli gleich zwei Jazzvokalisten live zu erleben - und das ist programmatisch schon ziemlich einzigartig in der nationalen Szene. Mehr noch: Die Idee, einen Sänger und eine Sängerin zusammen zu präsentieren, war in Ettlingen entstanden. Denn Didi Sanft, vormaliger Programmplaner, hatte Beat Kaestli - der Schweizer lebt und arbeitet seit vielen Jahren in New York - anlässlich eines Auftritts im „Birdland59“ darauf hingewiesen, dass die Österreicherin Elisabeth Lohninger auch in der US-Metropole lebe. Und da könne man doch etwas zusammen machen.
Das Resultat von Didis Überlegungen - er selbst überzeugte sich natürlich vom Ergebnis seiner „Geburtshilfe“ - konnten die recht zahlreichen Besucher nun im „Birdland“-Keller nachvollziehen. Begleitet von einem spielfreudigen Trio mit Walter Fischbacher (Klavier), Benny Schaefer (Bass) und Martin Kolb am Schlagzeug boten die beiden Solisten einen Querschnitt dessen, was im zeitgenössischen Jazz stimmlich alles möglich ist.

Beide Interpreten sind ausgebildete Sänger mit einem tief implantierten Gefühl für Jazz. So reduzierte sich das Urteil über den Gehalt des Abend auf eine reine Geschmacksfrage. Wer eher am harmonischen Wohlklang und an den swingenden Standards seine Freude hat, der war natürlich bei Beat Kaestlis Solonum-mern gut aufgehoben. Zumal der Sänger sich auch ausgiebig zu seiner europäischen Vergangenheit bekannte. Dies führte dann dazu, dass es neben einer schrägen „Carmen“-Variante auch mit dem „Guggisberg-Lied“ die verjazzte Version eines Schweizer Volksliedes zu hören gab.

Dass Elisabeth Lohninger bei diesem freundschaftlichen Duell die Nase vorn hatte - David Moss, derzeit beim Ettlinger Club für das Programm zuständig, ist wohl anderer Meinung - hatte zwei Gründe. Zum einen traut sie sich mehr zu. Sei es bei einer stimmlich sehr schwierigen Nummer von Joni Mitchell oder bei ihrer eigenen eigenen Komposition „It's A Bit Tricky“ - sie war den Herausforderungen der Vorlagen jederzeit gewachsen.

Zum anderen versteht sie sich mit dem Pianisten Walter Fischbacher schon deswegen quasi blind, weil sie auch privat verbandelt - sprich: verheiratet - sind. Denn was Fischbacher bei allen Titeln an einfühlsamer Begleitung und improvisatorischer Brillanz bot, das stellte alles in den Schatten, was man in den zurückliegenden Jahren im „Birdland59“ gehört hatte.

Unvermeidlich wohl dann die Erkenntnis bei den gemeinsamen Titeln der beiden Vokalisten: Der kleinste gemeinsame Nenner genügt etwa bei Balladen auf hohem Schmuseniveau, die Zugabe „Center Beat“ mal ausgenommen. Aber das soll den Ertrag dieses spannenden Konzertes im Ettlinger
Jazzclub keinesfalls schmälern.

Heinz Klusch

 

BNN 05.10.2010
Hoher Wiedererkennungswert
Altsaxophonist Klaus Graf & Co. im Ettlinger Birdland

Das Konzert war zwei Jazzlegenden gewidmet
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Es war in der Mitte der 1950er Jahre als im Jazz der Hard Bop dominant wurde, jene Spielart also, in der schwarze Musiker einen strukturierten Aufbau der Stücke mit den stilistischen Innovationen des Modern Jazz der Nachkriegs jähre kombinierten und sich dabei auch von ihren afroamerikanischen Wurzeln inspirieren ließen. So entstand quasi als Subgenre der „Souljazz“ mit starken Einflüssen aus der Gospelmusik. Und hier waren die beiden Brüder Julian „Cannonball“ (Saxofon) und Nat Adderley (Trompete) absolut stilbildend.

Beiden Jazzlegenden war ein Konzert gewidmet, zu dem der Stuttgarter Altsaxophonist Klaus Graf am Freitag ein hochkarätig besetztes Quartett in den Ettlinger Jazzclub gebracht hatte. Das Spannende an diesem inspirierten Auftritt: Mit der Titelauswahl machte Graf die eingangs geschilderte Entwicklung nachvollziehbar. Da standen Standards wie „This Here“ im wiegenden Dreivierteltakt mit viel Nähe zum Gospel neben nicht so geläufigen Titeln wie „Lisa“ oder den wunderschön gespielten Balladen „Autumn Leaves“ und „Stars Fell On Alabama“. Und mit den Ohrwürmern „Jive Samba“ und „Minha Saudade“ wurde hörbar, wie Adderley sich weiterentwickelte, indem er auch südamerikanische Einflüsse aufnahm. Denn der in Karlsruhe geborene Volker Deglmann lieferte als Youngster des Quartetts mit seinen expressiven Soli den Beweis dafür, dass eine musikalische Grundausbildung am Helmholtz-Gymnasium und diverse Teilnahmen bei den Jam Sessions des Ettlinger Clubs durchaus die Basis für höhere Aufgaben im nationalen Jazz bilden können.

Bei all diesen Stücken wurde Graf, der sich seinem großen Vorbild Cannonball sowohl von der Spielweise als auch von der Intonation her mehr als nur angenähert hat, seinem Ruf gerecht, zu den besten deutschen Altsaxofonisten zu zählen. Und seine Musiker konnten sich ebenfalls hören lassen. Bernhard Pichl (Piano) und Rudi Engel (Bass) steuerten inspirierte Soli bei; Schlagzeuger Obi Jenne bewies seine Klasse als Schlagzeuger auch dadurch, dass er sein rhythmisch präzise Spiel eher zurücknahm und sich nur dann kräftig einbrachte, wenn es die Komposition erforderlich machte.

Bei der Trompete gab es dann sogar ein unerwartetes Wiedersehen. Denn der in Karlsruhe geborene Volker Degelmann lieferte als Youngster des Quartetts mit seinen expressiven Soli den Beweis dafür, dass eine musikalische Grundausbildung am Helmholtz-Gymnasium Karlsruhe und diverse Teilnahmen bei den Jam-Sessions des Ettlinger Clubs durchaus die Basis für höhere Aufgaben im nationalen Jazz bilden können.

So addierte sich das alles zu einer niveauvollen Unterrichtseinheit in Sachen „Hard Bop“, bei dem die Zuhörer im ordentlich besuchten „Birdland59“ begeistert mitgingen - zumal ja die meisten Titel einen ziemlich hohen Wieder-Erkennungswert hatten.

 

BNN 21.09.2010
Gutes Händchen mit Frauen am Klavier
Frankfurter Pianistin Uta Dobberthien gastiert im Ettlinger Jazzclub Birdland59 - einige Soli gerieten zu ausführlich
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Mit Frauen am Klavier hatte der Ettlinger Jazzclub bislang ein gutes Händchen. Als vor Jahren die ziemlich unbekannte Anke Helfrich aus Weinheim anreiste, war sie nur Insidern bekannt: Heute zählt sie zumindest national zur ersten Liga; am 5. November tritt sie übrigens wieder als Mitglied des Frauentrios „Witchcraft“ an. Ob diese Perspektive auch für Uta Dobberthien gilt - die Frankfurter Pianistin eröffnete am Freitag mit ihrem ersten Auftritt in Ettlingen zugleich die neue Saison im „Birdland59“ - kann nicht so einfach beantwortet werden. Immerhin: Der Auftritt begeisterte die recht zahlreichen Besucher im Keller der Musikschule, wenngleich musikalisch da sicher noch Steigerungsmöglichkeiten bestehen.

Das lag zum einen daran, dass sich das Programm nahezu ausschließlich am Hard Bop orientierte, jener Spielweise also, die vor allem in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dominierte. Da durfte ein Klassiker wie „Lotus Blosssom“ von Kenny Dorham nicht fehlen, ebenso wie „Jor-do“ von Duke Jordan. Nur wurde bei dem - zugegeben brillanten - Vortrag dieser Titel deutlich, wie ähnlich sie sich in ihrer Struktur sind. Dazu kommt eine zweite Erkenntnis. Uta Dobberthien hat nach ihrer klassischen Ausbildung am Klavier in New York auch Jazzpiano studiert und dies immer wieder vertieft. Sie hat also die musikalische Kompetenz, sich auch mit den europäischen Schwergewichten in diesem Genre zu messen.

Aber wenn sie dann im Quintett so renommierte Namen wie Wilson de Oliveira (Posaune) und Peter Tuscher (Trompete) vereinigt; dazu kam die Präzise Rhythmussektion mit Markus Schieferdecker am Bass und der glänzende Schlagzeuger Joris Dudli - dann muss sie mit zwei Dingen rechnen: Die Jungs haben alle Titel im Schlaf drauf. Und sie wollen einfach nur spielen. Da gerieten dann einige Soli doch etwas zu ausführlich. Deshalb gab es dann auch bei manchen Stücken, trotz aller instrumentaler und improvisatorischer Kunststücke, immer wieder den Moment, wo sich Langeweile einschlich. Oder das unbestimmte Gefühl: Das habe ich in der Form doch schon einmal gehört.

Dass es auch ganz anders geht, bewiesen die beiden eigenen Kompositionen, die Uta Dobberthien beisteuerte. Etwa „TT“ - vermutlich eine Hommage an den Schlagzeuger Albert „Tootie“ Heath, dem jüngeren Bruder der gleichnamigen Jazzlegenden Jimmy und Percy: Nach einem quasi klassischen Intro gab es eine gefühlvolle Ballade, bei der sich Trompete und Saxofon einfühlsam abwechselten.

Sie habe gehört, rechtfertigt Uta Dobberthien ihre Titelauswahl in der Pause, dass das Publikum im Ettlinger Jazzclub nicht so sehr Experimente goutiere, sondern mehr Wert auf traditionelle Formen lege. Wenn sie dann beim (hoffentlich) nächsten Konzert mehr Mut zeigt, die Genreschubladen zu verlassen - dann könnte das ein noch schöneres Konzert geben. Die Voraussetzungen dazu sind offensichtlich vorhanden. hgk

Heinz Klusch

 

BNN 10.05.2010
Musikalische Entdeckungsreise
Konzert des „Jungen Jazz“ im Birdland59 schwach besucht
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Lag es am Wetter, am gleichzeitig stattfindenden Bandcontest oder an der Ankündigung, im Ettlinger Jazzclub sei am Freitag erstmals der „junge Jazz“ zu entdecken? Jedenfalls blieben die lokalen Jazzfans, die ansonsten auch bei relativ unbekannten Gruppen Vertrauen in die Programmgestalter haben, dem „Birdland 59“ weitgehend fern. Kaum mehr als zwei Dutzend Zuhörer wollten zum Start der neuen Reihe „Discover young Jazz“ das Schweizer Sextett „Die Pilze“ hören, deren Chef und Gründer, der Saxofonist Benedikt Reising, seine Intention so formuliert hat: Er wolle dem Jazz seine frühere „rebellische Haltung wieder geben“.

Das klingt brachialer, als es sich dann beim Konzert im Club anhörte. Es sei denn, man nimmt es schon als „rebellisch“ an, dass die meist konventionell vorgestellten Themen auf ihre Variationsmöglichkeiten hin untersucht oder auch die gewohnten Schemata souverän unterläuft, indem man ein Stück „Handle with care“ einfach mit einem ausgedehnten Saxofonsolo enden lässt. Wenn man sich auf diese „Stilbrüche" einließ, dann erschloss sich schnell, dass hier kompetente Musiker mit viel Sinn für Witz und Ironie ihr Jazzkonzept durchzogen. Der Auftritt lieferte noch eine Erkenntnis: Die Schweizer Jazzszene - den Berliner Reising hatte es wegen des Musikstudiums nach Bern verschlagen - ist nicht nur kreativ, sondern, auch aufgrund der kurzen Wege eng miteinander verzahnt. So wäre es wohl kaum einem aufgefallen, dass in Ettlingen nicht die Stammbesetzung der „Pilze“ antrat. Der Trompeter Marc Stucki und Thomas Knuchel (Tenorsaxofon) waren aufgrund von Absagen zu Reising (Altsaxofon) und der Rhythmussektion mit dem Pianisten Benjamin Külling, dem Bassisten Marco Müller und Rico Baumann (Schlagzeug) gestoßen.

Musikalisch agieren die „Pilze“ im Bereich der gemäßigten Moderne, wobei ein Schwerpunkt die gezielt eingesetzten Bläsersätze sind, die dann die Themen in Richtung Funk und Soul verschieben. Hörbar wird, dass alle Musiker gleichberechtigt sind und ihre ganz unterschiedlichen Erfahrungen einbringen können und sollen. Etwa bei „Freedom of Rench“: Nach einem hymnischen Einstieg - alle Zuhörer erhoben sich auf Reisings Anweisung brav von ihren Stühlen - treibt Benjamin Külling an den Keyboards das Thema virtuos in rockig-expressive Bereiche. Die Bläser halten quasi kontrapunktisch dagegen. Alle Titel des Abends stammen von den einzelnen Musikern.

Das alles addierte sich zu einer musikalischen Entdeckungsreise und zu einer Gelegenheit, die eigenen Hörgewohnheiten zu überprüfen. Deshalb sollte die schlechte Resonanz die Programmmacher des Ettlinger Birdland59 nicht ent-mutigen. Ausgefahrene Gleise werden nicht besser, wenn sie dauernd benutzt werden. 

Heinz Klusch

 

Amtsblatt der Stadt Ettlingen 29.04.2010
Albertus-Magnus-Gymnasium
Live-Jazz für Schüler im Birdland-Keller

„Anschaulicher als im Musikunterricht, da man alles live mitbekommt und man versteht vieles besser als in der Theorie“ 
Dieser Satz von Lea, einer Achtklässlerin, spiegelt die einhellige Meinung aller Beteiligten-Zuhörer wie Musiker wider.
Drei 8. Klassen des AMG fanden sich im Birdland-Keller unterhalb der Musikschule ein, um gemeinsam auf eine musikalische Reise zu gehen.
Im Rahmen des Projekts „Jazz für Kinder“ hatte Karin Stutz vom Jazzclub „Birdland59“ den renommierten Saxophonisten Peter Lehel samt seiner Combo (Peter Schindler, Piano; Mini Schulz, Bass; Obi Jenne, Schlagzeug) engagieren können.
Die vier Musiker freuten sich laut Peter Lehel über die Schüler des AMG, da sie „ganz klassische Jazzstücke“ zum Besten geben konnten, ohne die Zuhörer damit zu überfordern. 
Sie gaben nicht nur einen Überblick über die diversen Stilrichtungen des Jazz, sondern brachten den Schülern das Swingfeeling sowie die richtige Fingerschnipptechnik nahe („Es groovt nur auf die 2 und die 4!“).
Zweifellos ein Höhepunkt war die Interpretation des Songs „Summertime“ in verschiedenen Stilen. 
Ob als Blues, Swing, Bossa Nova oder gar Techno und Hip Hop, der Jazz wurde hier, in der angenehmen Atmosphäre des Kellergewölbes (Sybille: „Cooler Raum, gute Akustik“), als „Speerspitze der Popmusik“ erlebt.
Der betreuende Musiklehrer Guido Bähr würde solche Konzerte gerne jedes Jahr anbieten, allerdings wird dies ohne die Förderung durch die Landesstiftung Baden-Württemberg sowie Sponsoren schwer zu realisieren sein. 
Herzlichen Dank an Karin Stutz für die Organisation und für ihr weiteres Angebot: Der Eintritt zu allen Konzerten im „BirdIand59" ist für Jugendliche unter 16 Jahren frei.
(Programm: www.birdland59.de)

 

BNN 20.04.2010
Rasante Läufe mühelos bewältigt
Ulf Wakenius begeistert im Birdland
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Man soll ja mit Superlativen vorsichtig sein, aber im Fall von Ulf Wakenius ist der Griff in die Abteilung „besonders wertvoll“ angebracht: In der Form, in der sich der schwedische Jazzgitarrist im „Birdland59“ präsentierte, zählt er weltweit zu den besten fünf Interpreten seines Instruments. Und er bestätigte glanzvoll die Vorschusslorbeeren, die sich aus seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Ausnahmemusikern wie Oscar Peterson oder Herbie Hancock aufgebaut haben.

Auch die rasantesten Läufe kamen technisch makellos herüber, scheinbar mühelos bewältigte er atemberaubende Ton- und Griffsprünge, dabei blieben seine Improvisationen harmonisch aber immer nachvollziehbar. Und wenn man so souverän über seine Technik und Improvisation verfügt, die besonders bei seinen beiden Soloeinlagen - „Smile“ von Charlie Chaplin und seiner eigenen Komposition „Blues For Oscar“ - deutlich wurden, dann kann man sich zwischen-durch bei den Soli der anderen Musiker ebenso freuen. Auch wenn sie in einer anderen Liga angesiedelt sind.

Vom begleitenden AMC-Trio hatten auch die Kenner im Club noch nichts gehört, was daran liegt, dass die slowakische Jazzszene hierzulande kaum bekannt ist. In der Pause hatte Ulf Wakenius die Frage beantwortet, warum er sich für diese Formation entschieden hatte und sogar fast das ganze Konzert mit Kompositionen des Pianisten Peter Adamkovi und des Bassisten Martin Marinak bestritt - dritter im Bunde war der Drummer Stano Cvanciger. „Ich liebe ihre Musik“, so Wakenius, „vor allem, weil sie stolz auf ihre Quellen sind. Da gibt es viele Bezüge auf Folksongs ihrer Heimat, aber da ist auch jede Menge Jazz dabei.“

In der Tat, nahezu alle Kompositionen der beiden Slowaken, die von Marinak charmant ins Deutsche übersetzt wurden, zeichnen sich durch sehr eingängige Themen und eine Tonalität aus, die gefällig klingt und Extreme vermeidet. Zum „Jazz“ wurde es natürlich immer dann, wenn Gitarre oder Piano solistisch das Kommando übernahmen. Spätestens im zweiten Teil wurde hörbar, dass die Themen sehr ähnlich und vorhersehbar strukturiert waren. Das ist der einzige Abstrich, den man an diesem beeindruckenden Konzert machen kann.

 

BNN 14.04.2010
Atmosphäre genossen
„Jazz für Kinder“: Schüler des AMG im Ettlinger Birdland
Text von Heinz Klusch

Ettlingen (hgk). Eigentlich stehen Vera, Ingrid und Patrick eher auf „Hip-Hop, House Techno und so“. Aber am Dienstagvormittag gingen die Achtklässler des Albertus-Magnus-Gymnasiums (AMG) musikalisch fremd: Der Saxofonist Peter Lehel präsentierte mit seinem Quartett nicht nur stimmungsvollen Live-Jazz, sondern gab den 80 Schülerinnen und Schülern noch ganz nebenbei eine Lehrprobe über die Geschichte dieser Musikform. Das begann beim Ragtime, setzte sich über Swing, Bebop und Cool Jazz fort bis hin zu einer ziemlich „schrägen" freien Improvisation; zwischendurch bewiesen die Musiker anhand des Klassikers „Summertime“, was man hier rhythmisch und improvisatorisch alles anstellen kann.

Es war dies das vierte Konzert der erfolgreichen landesweiten Aktion „Jazz für Kinder“, das Karin und Siegfried Stutz vom „Birdland59“ in Ettlingen organisiert hatten. Neu war aber in diesem Fall der Veranstaltungsort. Normalerweise kommen die Musiker in die Schulen und Kindergärten. Dieses Mal aber waren die Schüler im „Birdland“-Keller zu Gast und genossen offensichtlich die Atmosphäre eines „richtigen“ Jazzkonzerts. Für Peter Lehel und seine eingespielte Formation - Peter Schindler (Klavier), Mini Schulz (Bass) und der Schlagzeuger Obi Jenne - war dies natürlich ein Heimspiel: Man kennt die Akustik und das Ambiente - und all dies trug zu einem entspannten, musikalisch hochkarätigen Vormittag bei.

Auch Guido Bär, der Musiklehrer des AMG, hatte mit seinen drei Fachkollegen das Konzert vorbereitet, war begeistert: „Wir haben die achten Klassen ausgewählt, weil Jazz auf dem Lehrplan steht. Und eine solche Veranstaltung ist für uns unbezahlbar, weil der Stoff hier live in einer tollen Atmosphäre präsentiert wird. Wir werden versuchen, so ein Konzert - vielleicht mit Hilfe des Fördervereins, einmal jährlich zu veranstalten.“ Schülerin Vera sah das genauso: „Ich fand das cool hier und ich kann mir vorstellen, dass wir mal am Freitagabend hierher kommen, wenn der Jazzclub seine Veranstaltungen hat.“

Das wird Bernhard Henkel gern gehört haben. Der Chef des Landesjazzverbandes - mit der Landesstiftung und den kooperierenden lokalen Clubs Träger der Aktion „Jazz für Kinder“ - zog eine zufriedene Bilanz: „Seit zwei Jahren läuft das Projekt, es gab etwa 100 Konzerte und die Nachfrage ist nach wie vor groß.“ Eigentlich sollte „Jazz für Kinder“ Ende 2010 auslauten. Aber hier hatte Henkel eine gute Nachricht: „Wir werden mindestens noch drei Monate dranhängen.“

 

BNN 29.03.2010
Drei Stunden auf bestem Jazz-Niveau
Big Band „Chameleon XXL“ in der ausverkauften Stadthalle / Tempo und Spannung
Text von Heinz
 Klusch

Ettlingen. Dass es im Jazz Formationen mit wechselnden Besetzungen, aber gleichbleibend hoher Qualität gibt, ist keine Seltenheit, sondern eher der Normalfall. Dennoch tanzt da „Chameleon“ gewaltig aus der Reihe. Seit über zehn Jahren existiert dieses Projekt des Ettlinger Trompeters Steffen Dix, dessen feste Größen die Vokalisten Eva Leticia und Karl Frierson sind. Am vergangenen Freitag erfüllte sich Dix nun einen Herzenswunsch: „Chameleon XXL“, eine knapp zwanzigköpfige Big Band begeisterte nahezu drei Stunden lang die Jazzfans in der ausverkauften Stadthalle.

Bei der Zusammenstellung der Truppe halfen Dix seine guten Kontakte und seine Mitwirkung in allen möglichen Jazzaktivitäten. So war die Ettlinger Musikschule in Person der Saxofonistin Angela Weiß vertreten - übrigens die einzige Frau in diesem harmonischen Männerbund. Andere Solisten waren und sind dem Umfeld der US Army Big Band in Heidelberg zuzurechnen, darunter auch der musikalische Direktor Eric Burger. Dem sympathischen Amerikaner mit seinem schicken roten Bühnenoutfit - nur Spötter können behaupten, die Bandbezeichnung „XXL“ beziehe sich auf die Kleidergröße des Dirigenten - glänzte nicht nur als Posaunist und Arrangeur. Seine langjährige Arbeit als Leiter von Big Bands war für ihn die Basis, in nur drei Probesitzungen aus den Solisten eine klangstarke, verschworene Einheit zu schmieden. Die präzisen Bläsersätze und die Präzision der Rhythmusgruppe - versetzt immer wieder mit solistischen Leckerbissen - vermittelte den Eindruck, als habe die Big Band bereits seit Jahren miteinander gespielt.

Zudem hatte Burger das Programm geschickt aufgebaut. Im ersten Teil präsentierten Frierson und Leticia mit „Blue Moon“ und der Schmusenummer „Night And Day“ eher die „gemütlichen“ Klassiker der Swingära, dazu passte die Ballade „It Had To Be You“, bei der Burger selbst sang. Im zweiten Teil zogen dann das Tempo und die Spannung gewaltig an. Eva Leticia ließ es auf Spanisch temperamentvoll krachen, Kollege Frierson präsentierte zwei Funktitel seiner Stammformation „De-Phazz“. Und gegen Ende kam dann ein ungemein vertracktes Arrangement, das Burger dem Folksong „John Browns Body" verpasst hatte: Da präsentierte sich die Band in Höchstform.

Das gilt natürlich auch für die Sangeskünstler, die beide über ein großes stimmliche Volumen und das jazzige Gefühl für die unterschiedlichen Stilrichtungen verfügen. Karl Frierson - nebenbei auch ein Entertainer und eine „Rampensau“ von Graden - war kaum noch zu bremsen: Er interpretierte nicht nur die Texte, sondern lieferte sich, die Silben skandierend, hinreißende Duelle mit den Instrumentalisten und animierte gleichzeitig das jederzeit mitgehende Publikum zum ziemlich komplizierten Mitklatschen. Am Ende waren alle begeistert, auch Dr. Robert Determann, der Leiter des Kulturamts. Seine Idee, einmal im Jahr zusammen mit dem Jazzclub, in Ettlingen ein „großes“ Konzert zu veranstalten, war glanzvoll umgesetzt worden.

 

BNN 09.03.2010
Erwartungen bedingt erfüllt
Bob Cats erstmals im Birdlandkeller Ettlingen zu erleben
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Seit über vier Jahrzehnten besteht die Hamburger Formation „Bop Cats", seit 35 Jahren ist der Pianist Klaus Berger Chef des Quartetts. Das bedeutet natürlich, dass die Gruppe in Norddeutschland längst zum festen Inventar in den Jazzclubs gehört. Nach mehreren Anläufen war es nun dem „Birdland" gelungen, die „Bop Cats" über die Mainlinie zu locken. Aber der nicht gerade gut besuchte Auftritt am Freitag konnte die Vorschusslorbeeren, hier sei eine der besten nationalen Mainstream-Formationen angesagt, nur bedingt erfüllen.

Dabei fing das Konzert doch ganz gut an. Das erste Stück „The Cheater" - eine Komposition des Bassisten Manfred Jestel - war eine gute Vorlage, um die Musiker solistisch vorzustellen. Dies nutzten Carin Hammerbacher (Tenorsaxofon) und der Schlagzeuger Jürgen Busse denn auch genüsslich aus, während sich Bandleader Klaus Berger vornehm zurückhielt. Danach gab es einen selten gespielten Titel von John Lewis, dem Pianisten des legendären Modern Jazz Quartetts. Und bei Interpretation der tiefschwarzen Bluesballade „Two degrees east - three degrees west" erreichten die „Cats" ein spielerisches Niveau, das sie im weiteren Verlauf des Auftritts nur noch gelegentlich ansteuerten.

Immerhin war das Programm sehr abwechslungsreich zusammengestellt. Da gab es neben Klassikern von Thelonious Monk und Charly Parker Anleihen bei der Popmusik - etwa Stevie Wonders „Isn't she lovely". Und als Kontrapunkt zu den ziemlich abgespielten Ohrwürmern wie Herbie Hancocks „Cantaloupe Island" zitierte man mit Duke Ellington die Jazzgeschichte.
Diese Vielfalt wurde aber eingeebnet durch den Zugang, den die Musiker wählten und den man am besten mit „kraftvoll" beschreibt. Sowohl mit dem Tenor- als auch mit dem Sopransaxofon: Die technisch versierte Carin Hammersbacher setzte in erster Linie auf Power und verzichtete doch auf leise Zwischentöne. Darin standen ihr Bass und Schlagzeug nicht nach. Und da die „Bob Cats" offensichtlich dem Credo huldigen, dass die herkömmliche Trennung in Rhythmus- und Melodiesektion zugunsten eines gleichberechtigten solistischen Miteinanders aufgehoben wurde, geriet das Konzert eben zu einem gleichförmigen, forcierten Kraftakt. Und das konnte den Zuhörer auf Dauer ermüden.

Dass es auch anders geht, bewiesen die „Bob Cats" immer dann, wenn Klaus Berger vom Flügel dann doch die Akzente setzte. Etwa beim stimmungsvoll interpretierten Gershwin-Klassiker „Summertime", dem absoluten Höhepunkt des zweiten Teils.

Heinz Klusch

 

BNN 19.01.2010
„Battle" der Tenorsaxofonisten
Jürgen Bothner Quartett und Andreas Maile im Ettlinger Jazzkeller Birdland59
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Es gehört zu den Traditionen in der Jazzgeschichte, zwei Musiker des gleichen Instruments gegeneinander antreten zu lassen. So ein „Battle" dient in erster Linie dazu, sich gegenseitig hoch zu puschen, nach Möglichkeit den Kollegen zu übertreffen, was musikalische Frotzeleien nicht ausschließt.
Schnell wurde im „Birdland59" hörbar, dass sich die beiden Protagonisten des Abends genau dieses Konzept vorgenommen hatte. Jürgen Bothner hatte sein Quartett - Musiker aus der Stuttgarter Szene - um Andreas Maile erweitert. Und die beiden Tenorsaxofonisten ließen es bei ihrem freundschaftlichen „Battle" gleich beim ersten Titel - einer furiosen Adaption von Slide Hamptons „My Blues" - gewaltig krachen.

Es blieb ihnen aber auch nichts anderes übrig. Denn wenn man von einer so beinharten Rhythmussektion - Jens Loh (Bass), Lorenzo Petrocca (Gitarre) und Gregor Beck am Schlagzeug - präzise und unermüdlich angetrieben wird, muss man einfach nach vorne spielen.
Aus den Standards der Bebop-Ära seien nur zwei herausgegriffen. Mit der Hymne aller Tenoristen, „Body and Soul", hatte schon Coleman Hawkins den Kollegen das Fürchten gelehrt. Bothner und Maile alternierten hier hervorragend und machten die eingängige Ballade zum emotionalen Höhepunkt.

Zu Beginn des zweiten Sets wurde das Tempo enorm angezogen. Bei „Straight no Chaser" von Thelonious Monk - der Titel bezieht seine Spannung aus der Diskrepanz zwischen einem simplen Bluesschema und einer expressiven Melodie - spielten sich die beiden Solisten die Bälle hochartistisch zu.
Dass jede Menge Zitate anderer Standards verarbeitet wurden, sorgte nicht nur auf der Bühne für Heiterkeit. Natürlich waren alle Titel des Abends nach ihrer Affinität für Saxofone ausgewählt worden. Das hinderte die anderen drei Musiker nicht, auch solistisch einzugreifen.
Die Qualitäten von Loh und Petrocca sind hinreichend bekannt. Ein eher seltener Gast ist der Schlagzeuger Gregor Beck, der sich vor allem durch seine Arbeit mit der „Allotria Jazz Band" einen Namen in der Szene gemacht hat.
Was dieses Temperamentbündel am Schlagzeug ablieferte, war absolute Spitzenklasse.
Er stimmte die Lautstärke und den Einsatz auf den jeweiligen Solisten ab und freute sich herzlich über deren Kabinettstückchen.
Zu Recht durfte er sich am Ende bei Ellingtons „Caravan" mit einem langen Solo austoben.

Heinz Klusch

2009

BNN 15.12.2009

Jazzchor als Höhepunkt
Benefizkonzert des Ettlinger Jazzclubs im Kasino
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Im Prinzip hätte Werner Mayer am vergangenen Freitag eine Mitgliederversammlung abhalten können. Denn beim Benefizkonzert, das der Ettlinger Jazzclub im "Kasino" veranstaltete, befanden sich sowohl im Publikum als auch auf der Bühne jede Menge aktive und passive Mitglieder des Clubs. So zum Beispiel David Moss, der zweite Vorsitzende und Programmgestalter. Er agierte als Bassist des Quintetts PlayJazz, das den dreigeteilten Abend stimmungsvoll eröffnete. Das musikalische Credo von PlayJazz (neben Moss noch Herbert Klenk, Saxofon), Bernd Hinse (Gitarre), Chris Steiner (Klavier) und Harald Schade am Schlagzeug) sind die Gefilde des Hardbop und Cooljazz; mithin also jene Titel, die den Jazz der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts prägten. Aus dem reichhaltigen Fundus hatten sich die fünf Musiker die Rosinen herausgepickt. Das begann mit dem Ohrwurm "Moanin'", den der Pianist Bobby Timmons seinem Bandleader Art Blakey punktgenau für die Band komponiert hatte, setzte sich über den Miles-Davis-Klassiker "All Blues" fort und wurde von "Songs for my father", der Glanznummer aus dem Repertoire von Horace Silver, weitergeführt.

Nach diesem stimmungsvollen Exkurs in die Jazzgeschichte, bei dem sich das Ensemble gut eingespielt zeigte, kam mit "Jazzable" das zweite Quintett, das sich aus dem Umfeld der Ettlinger Musikschule konstituiert hat. Hier ging es darum zu zeigen, wie sich Jazzeinflüsse aktuell in der Popmusik auswirken. Sängerin Susi Herzberger wandelte - mit Unterstützung des Keyboarders Joachim Frank und Stefan Helber (Gitarre) - erfrischend auf den Spuren von Alicia Keys, was eine muntere Adaption des Irving-Berlin-Standards "Cheek to cheek" nicht ausschloss. Zudem gab es in der Band zwei Überraschungen. Am Schlagzeug feierte Felix Rauscher eine gelungene Premiere und Bandleader Thomas Katz, sonst für Sound zuständig, griff höchstselbst zum Bass.

Dann kam der Auftritt des Ettlinger Jazzchors. Lag es an der entspannten Atmosphäre eines Auftritts quasi im familiären Rahmen und im gewohnten "Casino"-Probenraum, fernab vom Druck eines "großen" Konzerts. Die Präsentation der besten Titel aus der neuen CD des Chors "Classic goes jazz" ergänzt durch diverse Swingklassiker war der absolute Höhepunkt dieses Benefizkonzerts, wobei sich Chor und Solisten ebenso entspannt wie souverän präsentierten.

Der Reinerlös des Abends, bei dem alle ohne Gage auftraten, sollte dem Ettlinger Frauen und Familientreff "effeff" zugute kommen. Obwohl sich der Publikumszuspruch etwas in Grenzen hielt, kam nach einer Aufrundung aus der Clubkasse noch der Betrag von 700 Euro auf den Scheck, den Werner Mayer an die Vorsitzende Kirstin Wandelt und die Schirmherrin Frauke Offele überreichte. Der Betrag soll vor allem für das Sprachförderungsprogramm verwendet werden.

Heinz Klusch

 

BNN 23.11.2009
„Blindes Verständnis“
Duo Ignaz Netzer und Thomas Scheytt im „Birdland59“
Text von Heinz Klusch

Ettlingen. Über zwölftaktige Bluesschemata ist längst alles gesagt. Und wenn dnn der Pianist mit der linken Hand ein rollendes Bassriff darunter legt, also Boogie Woogie spielt, dann wippt der Fan automatisch mit und denkt nicht lange darüber nach, was hier musikalisch abgeht.
Aber spannend und mitreißend ist der Blues dennoch - von der emotionalen Tiefe von Text und Musik ganz abgesehen.
Das bewiesen auf höchstem Niveau am Freitag die das Duo Ignaz Netzer (Gitarre) und Thomas Scheytt (Klavier) im „Birdland59“.
Wobei die beiden Schwaben inzwischen Ettlingen getrost als Zweitwohnsitz angeben könnten. Sie traten bereits zum achten Mal im Jazzclub auf.

Seit 23 Jahren spielen Netzer und Scheytt zusammen, damit ist zum Thema „blindes Verständnis“ alles gesagt.
Bemerkenswert ist aber, wie sich die beiden gegenseitig zur absoluten Höchstleistung antreiben.
Wenn der eine solistisch unterwegs ist, übernimmt der andere die Rhythmusarbeit, wobei Scheytt besonders bei den langsamen Bluesnummern sehr schöne harmonische Figuren beisteuert.

Das eigentliche Faszinosum ist aber Ignaz Netzer. Er verfügt nicht nur definitiv über die ideale Bluesstimme, sondern auch über eine stupende Technik, die fast jedes Gitarrensolo zu einem makellosen Hörgenuss macht.
Das wirkt alles völlig unangestrengt und quasi selbstverständlich.
Als Beleg könnte man nahezu jeden Titel des dreistündigen Programms anführen, dass mit „Key To The Highway“ und Big Bill Broonzys Themastück begann und neben vielen eigenen Werken auch noch Rosinen des Genres wie Willie Dixons „Hoochie Coochie Man“ enthielt.

Näher als Netzer kann man als weißer europäischer Musiker wohl nicht an das originäre Bluesgefühl kommen, ein Vergleich etwa mit dem großen Alexis Korner ist zulässig.
Aber es gibt natürlich eine Distanz zu der Dauerklage der amerikanischen Schwarzen: Egal, ob es um Arbeit, Geld oder Frauen geht - es fehlt an allem.
Da hilft auch keine klare Ansage an die Herzdame „Love Me Or Leave Me“, wenn man sicher ist, dass die Frau lieber gehen wird.
Dagegen steht die spürbare Lebensfreude eines schwäbischen Musikers.
Netzer weiß das natürlich und hat ein einfaches Gegenmittel: Sein lakonischer Humor und seine erfrischende Selbstironie.

Die beiden Musiker kabbeln sich sowohl musikalisch als auch bei Netzers witzigen Ansagen als auch musikalisch, wenn etwa einer der beiden absolut kein Ende finden will.
Und wenn es nach der Rausschmeißer-Ballade „After hours“ zu sehr gefühlig zu werden droht, dann setzt man die knochenharte Temponummer „Bright Lights, Big City“ hinterher und alles ist wieder im Lot.
Das Publikum im vollbesetzten „Birdland“-Keller schwelgte hingerissen - und offenbarte überraschende Qualitäten.
Denn bei der uralten Gospelnummer „Jesus Is On The Main Line“ war der gemischte Fanchor dem Vorsänger Netzer ebenbürtig und ersetzte korrekt schnipsend sogar die Perkussion.
Und alle wollen Netzer & Scheytt sehr schnell wieder hören.

Heinz Klusch

 

BNN 17.11.2009
„Die Musik ging echt unter die Haut“
Rosinen aus über 100 Jahren Jazzgeschichte
Jazz-Projekt mit Saxofonist Peter Lehel für obere Klassen der Wilhelm-Lorenz-Realschule
Text von Henner Klusch

Ettlingen. „Jazz im Musikunterricht nur theoretisch zu vermitteln, ist nicht möglich. Am besten ist es natürlich, wenn man eine Live-Band hat.“ Dieser Erkenntnis ließ Uwe König, Musiklehrer und stellvertretender Schulleiter der Wilhelm-Lorenz-Realschule, am Freitagvormittag Taten folgen: Knapp 70 Schüler aus den oberen Klassen waren vom Auftritt des Saxofonisten Peter Lehel und seinem Quartett mehr als begeistert. Zum Beispiel Sabrina: „Ich fand das Projekt voll cool!“, schrieb sie als Echo, „endlich mal ein bisschen Action.“

Ermöglicht wurde diese „Action“ in der Aula durch das Projekt „Jazz für Kinder“, das der Landesjazzverband seit über einem Jahr durchführt. Dank der finanziellen Unterstützung durch die Landesstiftung und anderer Sponsoren konnten inzwischen knapp sechzig Konzerte im gesamten Ländle organisiert werden. Dabei leisten die lokalen Jazzclubs Hilfestellung: Karin Stutz vom „Birdland59“ hatte dieses Konzert organisiert - es war übrigens schon das dritte seiner Art in Ettlingen.
Für die Musiker - neben Peter Lehel noch Peter Schindler (Piano), Mini Schulz (Bass) und Obi Jenne am Schlagzeug - war dieser Auftritt in gewisser Weise Neuland. Wenn Lehel in gleicher Besetzung als „Hoppel Hoppel Rhythm Club“ in Kindergärten und Grundschulen auftritt, werden Kinderlieder verjazzt. Für die großen Realschul-„Kinder" hatten sich die Musiker das ehrgeizige Ziel gesetzt, nicht nur einen Überblick über die diversen Stilrich-tungen zu geben, sondern auch die unterschiedlichen Spielarten zu demonstrieren. So gab es den Klassiker „Summertime“ in diversen Varianten - als Blues, als Cha-Cha bis hin zu einer Techno- und Hip-Hop-Version.

Ansonsten präsentierte das Quartett die Rosinen aus über 100 Jahren Jazzgeschichte. Das begann - um nur einige zu nennen - mit dem Ragtime und dem „Tiger Rag“ und setzte sich über den swingenden „C Jam Blues“ und dem Bossa-Standard „The Girl from Ipanema“ fort bis zum Cool Jazz und Hardbop. Bei Dave Brubecks „Take five“ lernten die Schüler, dass man auch im verzwickten Fünfvierteltakt improvisieren kann, ehe es Lehel und seine Mannen nach einer inspirierten Version von „Mercy, mercy, mercy“ bei der Funkjazznummer „Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock kräftig krachen ließen. Spätestens da hatte das Quartett - über die musikalische Extraklasse der einzelnen Musiker braucht man in Ettlingen wohl kein Wort mehr zu verlieren - längst alle Zuhörer von den Qualitäten des Jazz überzeugt. Die Rückmeldungen der Schüler sind eindeutig: Michelle hatte nicht erwartet, dass diese Musikrichtung so vielfältig ist. Und Linda war hingerissen: „Das war der Hammer. Das war das, was man sich unter Musik vorstellt. Sie ging echt unter die Haut. So was sollte es öfter geben.“ Da ist sie einer Meinung mit ihrem Musiklehrer. Uwe König, der immer mal wieder bei den Sessions im „Birdland“-Keller am Schlagzeug sitzt, fände es ganz toll, einmal pro Jahr Jazzprofis zu einem Live-Konzert in die Schule holen zu können.

Henner Klusch

 

BNN 19.10.2009
Familiäre Stimmung bei Jazz mit Sinti-Musikern
Romeo-Franz-Ensemble im Birdland59 zu schnell: Mitklatschen ist für Zuhörer nicht leicht
Text von Heinz Klusch

Normalerweise fällt bei den Jazzern der Entschluss, gemeinsam zu musizieren im Probenkeller; bei Profis mit großer Routine vielleicht auch am Telefon. In dieser Beziehung fällt das Romeo-Franz-Ensemble, das am Freitag erstmals seine Visitenkarte im „Birdland59“ abgab, gewaltig aus dem Rahmen: Denn Geiger Romeo Franz und Bassist Thomas Stützel trafen sich 1991 bei einer Sinti-Wallfahrt im Saarland und entdeckten ihre musikalischen Gemeinsamkeiten.

Thomas Stützel war am Freitag nicht dabei, stattdessen agierte Banscheli Schmid am Kontrabass und war weit mehr als ein simpler Ersatzmann. Denn Schmid, langjähriger Mitstreiter des verstorbenen Titi Winterstein, fügte sich nahtlos in das eingespielte Team mit Unge Schmidt (Rhythmusgitarre) und dem Sologitarristen Joe Bawelino ein. Ohnehin ging es auf und vor der Bühne ausgesprochen familiär zu, wie das bei den Sinti-Jazzern so üblich ist.. Und das lag nicht nur daran, dass der ebenso virtuose wie kraftvolle Gitarrist Bawelino seinen Geburtstag im Konzert feiern durfte. Man kennt und schätzt sich, hat schon oft zusammengespielt. So hätte man unter den Zuhörern im nicht ganz vollen Keller bestimmt eine zweite hochkarätige Formation bilden können, die natürlich stilistisch das gleiche geboten hätte: swingender Sinti-Jazz in der Tradition von Django und Schnuckenack Reinhardt, versetzt mit viel Balkanfolklore. Denn bei einem Czardas kann man ja prima beweisen, welch schnelle Läufe auf Gitarre und Geige möglich sind.

Und davon machte vor allem Joe Bawelino reichhaltigen Gebrauch - wobei die eingespielte Rhythmusgruppe jeden Tempowechsel mühelos mitging. Nur das Publikum bekam beim Mitklatschen Probleme. Wie alle Geiger des Genres kommt Romeo Franz natürlich von Stephane Grappeli her. Bei den schnellen Swingnummern wie „Honeysuckle Rose“ überzeugt er mit seiner Dynamik, bei den Balladen besticht sein warmer, fast lyrischer Ton. Und er ist nicht nur der Tradition verpflichtet. Denn Adaptionen wie Stevie Wonders „Isn't She Lovely“ im zweiten Set belegen, dass er sich auch durchaus Popnummern zutraut, so dass der Vergleich mit Helmut Zacharias durchaus vertretbar ist.

Dieser hatte ja vor über vierzig Jahren bewiesen, dass man auch als Sologeiger in die Hitparade und ins Fernsehen kommen kann. Zu dem angesprochenen familiären Aspekt des Konzerts passt auch die Tatsache, dass der „Azubi“ eine Chance bekam. Bei drei Stücken, darunter „Bei mir bist du schön“, bewies Sohnemann Sunny (9), dass er seinem Vater bereits sehr viel abgeschaut hat.

Hgk

BNN 5.10.2009
Zu recht so lange im Geschäft
Konzert der Dutch Swing College Band begeistert gefeiert
Anspruchsvolle Arrangements
Text von Henner Klusch

Als am Freitagabend in der ausverkauften Schlossgartenhalle die ersten Takte von „Way Down To New Orleans“ ertönten, hätte man die Band auf der Bühne auch mit geschlossenen Augen mühelos identifizieren können. Denn seit 64 Jahren ist dieser Titel die Erkennungsmelodie der Dutch Swing College Band, mit der der Ettlinger Jazz-Club zu seinem runden Geburtstag sich und die völlig zu recht begeistern Zuhörer beschenkt hatte.

Schon nach den - darunter eine sehr virtuose Interpretation des guten, alten „China Boy“ - konnte man nachvollziehen, warum sich die Truppe so lange im Geschäft gehalten hat. Über 500 Lebensjahre bringen die acht Musiker um den musikalischen Leiter Bob Kaper (Klarinette, Saxofon) auf die Bühne; schwerer aber wiegt die musikalische Erfahrung, die alle in diversen Oldtime-Formationen gesammelt haben, ehe sie bei der DSC-Band einstiegen. Die Jungs sind im wahrsten Sinne des Wortes „eingespielt“, beherrschen ihr Repertoire und die ausgesprochen anspruchsvollen Arrangements im Schlaf.

Bestechend dabei die Souveränität, mit der man immer wieder von Einzel- zu Kollektivimprovisationen wechselte, wobei es ausgesprochen basisdemokratisch und ökonomisch zuging. Kein Solo war zu lang, kein Musiker hatte es nötig, sich auf Kosten der anderen zu profilieren und jeder kam im Laufe des knapp dreistündigen Auftritts mehrmals dran.

Da ist es natürlich auch nicht angesagt, geschweige denn im Sinn der Band, einen der Protagonisten besonders hervorzuheben. Die präzise Rhythmussektion mit dem 77-jährigen Han Brink am Schlagzeug sorgte für ein solides Fundament, wobei Ton van Bergeijk (Gitarre, Banjo) und der Bassist Arrie Braat auch für die Spaße in Richtung Publikum zuständig waren.

Marcel Hendricks am Flügel schlug die Brücke zum vierköpfigen Bläsersatz, zu dem neben Bob Kaper und dem vorzüglichen Trompeter Bert de Kort noch die Brüder Katee gehörten: George spielt Posaune und Frits griff neben der Klarinette noch zu diversen Saxofonen. Souveränität bewiesen Kaper und Kollegen auch bei der Programmauswahl. Da gab es natürlich die Klassiker des Genres wie der „Basin Street Blues“ oder Fats Wallers „Ain't Misbehavin“ mit einem witzigen Bass-Solo.

Aber dann standen auch relativ selten gespielte Oldies auf der Agenda und ganz nebenbei gab es mit Anleihen bei Duke Ellington und Benny Goodman auch eine kleine Lehrstunde, wie vielfältig der Bereich des Oldtimejazz sein kann.

Cole Porters „Just One Of Those Things“, in Trio-Besetzung mit Bob Kaper an der Klarinette geriet so zu einer der schönsten Nummern des Abends Das Problem aller Dixielandbands, dass nämlich das Publikum stürmisch immer wieder die Gassenhauer fordert, löste die DSC Band höchst elegant bei der natürlich stürmischen eingeforderten Zugabe. Da gab es nämlich „Oh When The Saints“, „Ice Cream“ und „Dr. Jazz“ kompakt als Medley.

Henner Klusch

BNN 21.09.2009
Jazzclub feiert mit Swing
Andy Lawrence sorgte für emotionalen Höhepunkt
Text von Heinz Klusch

In diesem Halbjahr hat der Ettlinger Jazz-Club gleich drei Gründe zum Feiern: Vor 50 Jahren gab es den ersten Versuch, den Jazz in die Stadt zu bringen; vor 15 Jahren wurde der Club gegründet und seit zehn Jahren gibt es Konzerte im Keller der Musikschule. Dazu bot Schlagzeuger Will Lindfors mit seinen „Swing Affairs“ einen stimmungsvollen Rückblick auf mehrere Jahrzehnte Jazzgeschichte.

Gleich bei den ersten Titeln - Duke Ellingtons „Harlem Bound“ und der fetzige „Molten Swing“ von Count Basie - wurde hörbar, dass Lindfors völlig zu Recht zu den besten Drummern des traditionellen Jazz gezählt wird. Andere Schlagzeuger setzen häufig auf Lautstärke und schweißtreibende Kraftakte. Will Lindfors hat das überhaupt nicht nötig, denn mit seiner stupenden Technik und stilistischen Eleganz zaubert er ein atemberaubendes Solo nach dem anderen buchstäblich aus dem Ärmel. Das sieht fast mühelos und elegant aus und man nimmt es schon fast als selbstverständlich hin, dass der freundliche Mann am Schlagzeug auch rhythmisch stets präsent ist.

Auf einem solchen Fundament lässt sich prächtig improvisieren und diesen Freiraum nutzten die Kollegen - allesamt aus der Stuttgarter Jazzszene - denn auch richtig aus. Dabei half die Tatsache, dass Trompeter Andy Lawrence die einzelnen Stücke - neben einer großen Dosis Fats Waller gab es auch Gershwin, Irvin Berlin und den Big-Band-Kracher „Boogie Woogie Bugle Boy“ im Angebot - präzise für die Quartettbesetzung bearbeitet hatte.

Da fiel es dem Pianisten Harald Schwer und Helmut Siegle am Kontrabass nicht schwer, sich solistisch einfühlsam in Szene zu setzen, zumal ihnen der Chef am Schlagzeug die Rhythmusarbeit weitgehend abgenommen hatte.

Andy Lawrence, der seine Qualitäten als Trompeter, Sänger und vor allem auch als Kornettist schon mehrmals in Ettlingen vorgestellt hatte, steuerte dann auch noch den emotionalen Höhepunkt des Konzerts bei. Zwischen den zündenden Swingstandards gab es nämlich auch noch ein kleines Stück von ihm: „You Are Still Everything To Me“, ein herzergreifender Abgesang auf eine verflossene Geliebte, nur für Trompete, Klavier und Gesang arrangiert. Da hofften wohl die meisten Besucher im gut besuchten „Birdland"-Keller, dass der Titel keine autobiografischen Bezüge hat.

Alles in allem war der Auftritt der „Swing Affairs“ ein sehr stimmungsvoller Einstieg in das neue Programm des Jazzclubs, das übrigens erstmals von David Moss, dem zweiten Vorsitzenden, musikalisch verantwortet wurde.

Hgk

BNN 18.05.2009
„Wildcard“ sorgt für ausverkauftes Haus
Peter Lehel zeigt sich im Ettlinger Jazzclub „Birdland“ musikalisch von seiner besten Seite
Text von Heinz Klusch

Die Ettlinger Jazzfans wissen halt, auf wen oder was sie sich verlassen können. So sorgte am Freitagabend die geheimnisvolle Ankündigung, Peter Lehel werde ein Projekt „Wildcard“ vorstellen, für ein ausverkauftes, volles Haus im „Birdland59“. Dies, obwohl niemand wusste, mit wem der Saxofonist auftreten würde und was stilistisch zu erwarten war. Alle, die Einlass bekommen haben, werden ihr Kommen absolut nicht bereut haben, denn die Lehelsche musikalische Wundertüte unter dem Arbeitstitel „A Taste Of Tenor“ brachte nicht nur ein hochkarätig besetztes Quartett in den Jazzkeller, das in dieser Form übrigens noch nie zusammengespielt hatte. Auch musikalisch war der Abend eine reine Ohrenweide und steigerte sich zu einem der besten Konzerte der letzten Jahre. Das lag zum einen an den Musikern, zum anderen am musikalischen Konzept. Neben seinem Stammpianisten Uli Möck hatte Lehel noch Guido May eingeladen, einen ungemein versierten und einfühlsamen Schlagzeuger, von dem man hierzulande nur deshalb nicht mehr so viel hört, weil er ständig mit Größen wie Pee Wee Ellis auf Europatour ist. Und am Bass war mit Thomas Stabenow die seit Jahren unangefochtene Nummer eins der nationalen Szene am Werke - wie Lehel übrigens Träger des baden-württembergischen Jazzpreises.

Der Abend war eine große Hommage an das Saxofon: Zum Auftakt eine kräftige Dosis Dexter Gordon, bei der schon klar wurde, dass es den Musikern hörbar selbst Spaß machte, sich einen ganzen Abend lang im Bereich des Bebop und der daraus folgenden stilistischen Erweiterungen bewegen zu können. Dann folgten Kompositionen von Peter Lehel selbst, die auswiesen, dass er nicht nur ein technisch ausgereifter Instrumentalist ist, der auch über einen vollen Klang und ein traumhaftes Gespür für Nuancen und winzige rhythmische Verschiebungen hat, sondern auch als Komponist ganz unterschiedliche Einflüsse jazzmäßig aufarbeiten kann. Ein Beleg dafür mag der „Husarenritt“ sein - die Adaption eines ungarischen Kinderliedes - die dem Quartett eine Stilvorlage zu einem temporeichen Ritt durch Thema und Improvisation gab.

Und dann nach der Pause folgte der absolute Höhepunkt des Konzerts. Die meisten Saxofonisten des modernen Jazz kommen in irgendeiner Form vom großen John Coltrane her, der vor allem in den 60er und 70er Jahren Maßstäbe auf diesem Instrument setzte, die heute noch gelten. Auch für Peter Lehel, dessen Phrasierung und Klangfarbe in der Tradition Coltranes stehen, ohne diesen schlicht zu plagiieren. Und um seinem großen Vorbild besonders zu Ehren, brachte Lehel im zweiten Teil die gesamte Suite „A Love Supreme“, die Coltrane 1964 mit seinem Quartett eingespielt hatte. Man erinnert sich: Coltrane hatte damals nicht nur den Bebop in neue Harmonien und Klangfächen überführt, er überwand auch seine Alkohol- und Heroinabhängigkeit und erlebte seine spirituelle Erweckung. „A Love Supreme“ ist also sein Glaubensbekenntnis, ein Werk, so Joachim Ernst Berendt, „das spirituelle Inbrunst und formale Geschlossenheit in einer im Jazz nie zuvor erreichten Weise vereint.“ Sich eines solchen Werks anzunehmen zeugt von Mut und Selbstvertrauen.

Und tatsächlich: Die Art und Weise, wie die vier Musiker diese Komposition auf die Bühne stemmten, war überzeugend: Solistische Brillanz und ein konzentriertes Zusammenspiel ergaben ein Hörerlebnis, bei dem der Applaus immer frenetischer wurde. Da blieb nur ein Wunsch offen: Lehel sollte möglichst schnell wieder die „Wildcard“ ziehen.

Hgk

BNN 12.05.2009
Eine Lehrstunde in Sachen „Standards“
Text von Heinz Klusch

Ein „Standard“, so das Jazzlexikon, sei ein Thema, das nicht von Jazzmusikern verfasst wurde, sondern in der Sphäre der amerikanischen Schlager-, Musical- und Filmmusik beheimatet ist. In den USA gehört es auch bei den Größen der Szene zum guten Ton, Kompositionen etwa von George Gershwin, Cole Porter oder Irving Berlin im Repertoire zu haben. Hierzulande hat der Begriff „Standard“ ein „Geschmäckle“: wenig originelle Stücke, die fast alle im Repertoire haben.

Das erklärt vielleicht das ausführliche Statement von Gitarrist Christian Eckert, mit dem er den Auftritt des Quartetts „Vier“ im Ettlinger Jazzclub eröffnete. Mit seinem „Standard“-Projekt wolle die Gruppe gerade nicht in die Schublade der Beliebigkeit abgeschoben werden, sondern den Nachweis führen, welche hervorragende Vorlagen die amerikanische Populärmusik für die jazzige Improvisation liefern kann. Und die vier Musiker - neben Eckert noch Steffen Weber (Tenorsaxofon), Jens Loh (Bass) und Torsten Krill (Schlagzeug) - lassen überzeugend Taten folgen. Gleich mit den ersten Titeln, darunter „Nobody Else But You“ von Jerome Kern, wurde hörbar, worauf es der musikalischen Viererbande ankam: inspirierte, ausgedehnte Improvisationen, bei denen sich alle solistisch auszeichneten.

Zudem hatte man bei der Auswahl der Stücke ein Auge für die eher selten gespielten Rosinen des Repertoires. Die herzergreifende Ballade „I Only Have Eyes For You“, die Harry Warren 1934 geschrieben hat, kennt man natürlich. Aber seine drei Jahre danach entstandene Komposition „September In The Rain“ ist bei uns nahezu unbekannt - völlig zu Unrecht, wenn sie so souverän interpretiert wird wie von den „Vier“, wobei Bassist Jens Loh hier eines seiner vielen Soli beisteuerte. Zu den Höhepunkten gehörte neben dem glänzend gespielten „End OfA Love Affair“ auch noch eine Fundsache: „Purple Gazelle“, eine Komposition von Duke Ellington, die er damals mit dem noch sehr jungen John Coltrane eingespielt hat. Kurzum, das leider nicht sehr zahlreiche Publikum erhielt einen wertvollen Grundkurs in Sachen „Standards“.
Kleines Kuriosum am Rande: Mit ihrer CD „Vier nach 12“ beteiligt sich die Band bei der Bewegung „fair trade“: Es gibt keinen festgelegten Preis, sondern jeder zahlt den Betrag, der ihm angemessen erscheint. Kontakt: JazzEck@web.de

Hgk

 

BNN 05.05.2009
Zurückhaltender Start
Nice Brazil und Band im Ettlinger Jazz-Club Birdland59
Text von Heinz Klusch

Was das Genre des lateinamerikanischen Jazz und der dort beheimateten Popularmusik betrifft, sind die Stammgäste des Ettlinger Jazzclubs gut informiert. Martin Müller und Viviane de Farias - um nur zwei Beispiele zu nennen - haben bei diversen Auftritten die bekanntesten Nummern vorgestellt und sehr positive Maßstäbe gesetzt. Insofern war man am Freitagabend gespannt, als die Sängerin Nice Brazil mit ihrem Quartett erstmals ihre musikalische Visitenkarte im „Birdland59“ abgab. Wobei es sich natürlich um ein Pseudonym handelt: Cleonice dos Santos Jost hat ihren Vornamen abgekürzt und gibt zugleich einen Hinweis auf ihr Heimatland und seine Musik.

Die südamerikanische Musik zeichnet sich vor allem durch zwei Merkmale aus: expressive, lebenslustige Rhythmen alternieren mit emotionalem Weltschmerz, der mit dem (unübersetzbaren) Begriff „saudades“ beschrieben ist. Dass das Konzert von Nice Brazil erst im zweiten Teil etwas auf Touren kam, liegt daran, dass bei ihr die „saudades“ überwogen. Gleich mehrfach betont sie, dass sie am liebsten Balladen singt, wie das wunderschöne „Folhas secas“ oder „Gostava tanto de voce“ - und die eher langsamen, bei allen rhythmischen Varianten eher getragenen Weisen passen auch sehr gut zu ihrer vor allem in den Mittelagen ungemein ausdrucksstarken Stimme und der (für brasilianische Verhältnisse) eher zurückhaltenden Bühnenpräsenz. So plätscherte der Abend zunächst etwas dahin.

Das war auch der Tatsache geschuldet, dass Pianist Holger Engel bei seinen Arrangements vor allem an seine Mitmusiker (Jochen Feucht Saxofone und Flöte; Franco Petrocca Bass, Dirik Schilgen Schlagzeug) gedacht hatte. Alle durften sich solistisch beweisen. Dadurch gerieten die Stücke lang und bei aller instrumentalen Klasse ein bisschen eintönig. Im zweiten Teil war es dann eindeutig besser, weil die Truppe mit Überraschungen aufwartete: Etwa ein wunderschönes Duo zwischen Petroccas Bass und Nice Brazil oder dem nachfolgenden Trio mit Jochen Feucht mit der Querflöte sowie bei „Ö caminho“, dem rhythmisch forcierten Titelsong der ersten CD der Sängerin. Das trotz des Feiertags kopfstarke Auditorium geizte nicht mit Applaus - aufgrund der zweiten Halbzeit auch zu Recht.

Hgk

 

BNN 29.04.2009
„Hausaufgaben nerven“
Eine Swing-Version vom Bi-Ba-Butzemann

Jazz für Kinder: Zweite Runde in der Thiebauthschule

Ettlingen (ue). Kennen Sie den „Hausaufgaben-Blues“? Nicht? Na, dann wird's aber Zeit! Den nämlich stimmten die Grundschüler der Ettlinger Thiebauthschule mit Inbrunst an als es darum ging, was sie denn am meisten nerve. Auf der Hit-Nervliste lagen neben „Bruder“ und „Schwester“ die Hausaufgaben ganz vorne.
Daraus improvisierten Sängerin und Bandleaderin Eva Württemberger und ihre sechs Musikerinnen und Musiker den Hausaufgaben-Blues. Der handelt natürlich davon, wie wenig Zeit zum Spielen bleibt. Und wie sich das für echten Blues gehört, spendet er Trost und hat eine Lösung parat: „Doch wenn mein Freund zum Fußballspielen vorbeikommt - dann tut's mir für die Hausaufgaben leid“, singen Kinder und Eva Württemberger.

Jazz ist nur was für Erwachsene? Mitnichten! Mitreißend und eindrucksvoll führte das die Jazzband in ihrem Kinderprogramm „Scharfe Riffs und blaue Noten“ vor. Es ist das zweite Projekt aus der Reihe „Jazz für Kinder“, das vom Jazzverband Baden-Württemberg initiiert, vom Jazzclub Birdland59 organisiert und von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert wird.

Auch im Jazz fehlt es mehr und mehr an Nachwuchs. Der größte Teil der Kinder und Jugendlichen habe so gut wie nie Zugang zu akustischen Instrumenten und verstehe nicht, sich spielerisch-rhythmisch auszudrucken, so der Jazzverband Baden-Württemberg. Vielmehr werde diese Generation durch elektronische Popklänge berieselt und nehme Musik über Videoclips eher optisch als akustisch wahr.

Die Reihe „Jazz für Kinder“ ist in Deutschland einzigartig, erklärt Bernhard Henkel, Chef des Landesverbandes und „Pate“ des Projekts. Es will spielerisch und mit viel Spaß Jazz und Improvisation nahebringen, wie Karin Stutz von Birdland59 erklärt. Und den sieben Jazzmusikern gelingt das mühelos. Mit Liebe zum Detail spielen Jogi Weiss (Drums), Jo Brecht (Kontrabass), Martin Meixner (piano), Jens Müller (Trompete), Alexander Kropp (Saxofon und Klarinette) und Posaunist Jochen Welsch afrikanische Rhythmen, Militärmusik und Kirchenlieder und zeigen so, wie aus diesem Mischmasch schließlich Jazz entstanden ist.

Da darf beim New Orleans Jazz Louis Armstrong nicht fehlen. Und wer könnte sich der Swing-Version von „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ entziehen? Die Kinder spüren die „geheimen Zutaten“ des Jazz auf: Vitalität und Spontanität, Improvisation, individuelle Phrasierung und schwarzes Musikverständnis. Dann legt die Band zunächst im Bebop los und Württemberger, den südamerikanischen Einfluss auf das Entstehen des Bossanova-Rhythmus mit einer Banane symbolisierend stimmt Latin Jazz an. Jens Müller und Jochen Welsch garnieren das mit köstlichen Slapstick-Einlagen, wenn sie, hungrig auf die Banane, Württemberger auf leisen Sohlen und augenrollend verfolgen. Und keine Frage: Die Banane stibitzen die beiden schließlich doch.
Und in den Gesichtern der Kinder spiegelt sich: So sollte Musikunterricht immer sein.

 

BNN 16.03.2009
Eine ungewöhnliche Besetzung
Lajos Dudas und sein Trio begeisterten im Ettlinger Jazz-Club / Instrumentale Brillanz

Text von Heinz Klusch

„Die Klarinette ist fantastisch, denn sie hat diese verschiedenen Register", so der Stoßseufzer des Musikers Perry Robinson, „es ist nur frustrierend, dass sie so leise ist; sie trägt nicht das volle klangliche Gewicht, wenn man durch ein Ensemble dringen will". Das ist sicher eine der Erklärungen dafür, warum zeitgenössische Jazzmusiker eher das (Sopran) Saxophon bevorzugen. Immerhin, es gibt noch ein paar Solisten, die die Klarinette in die stilistische Moderne überführen. Der gebürtige Ungar Lajos Dudas gehört dazu. Und so gab es am Freitag, als er mit seinem Trio „International 3" erstmals im „Birdland 59" auftrat, für die Ettlinger Jazzfans einen Ausflug in das Raritätenkabinett des Jazz.

Denn in zweierlei Hinsicht fiel dieses Konzert aus dem Rahmen. Die Triobesetzung ohne Schlagzeug - neben Dudas noch seine langjährigen Begleiter Philipp van Endert (Gitarre) und Leonard Jones am Bass - ist schon ungewöhnlich. Und ambivalent: Denn zum einen ermöglicht sie dem Zuhörer, sich voll auf die instrumentale Brillanz der Akteure zu konzentrieren. Andererseits ergibt sich daraus auch eine natürliche Begrenzung. Die Stücke klangen gegen Ende immer ähnlicher - vielleicht der einzige Abstrich, der gemacht werden muss.

Ungewöhnlich waren auch die Titel, die Dudas aus seinem reichhaltigen Fundus herausgesucht hatte. Es zeugt schon von Souveränität und einem großen Selbstbewusstsein, wenn man als erstes Stück nicht einen obligaten Standard auswählt, sondern mit „Hungarian Picture" beginnt: Ein ungarisches Kinderlied, das von Bela Bartok gesammelt und bearbeitet wurde und nun die Grundlage für die atemberaubenden Improvisationen Dudas' bildete, dessen tonale Experimente und Melodielinien natürlich meilenweit von der ursprünglichen Vorlage entfernt waren.

Seine Qualität bezog der Abend eindeutig aus dem Können der drei Musiker. Lajos Dudas verfügt über eine hervorragende Technik, die es ihm ermöglicht, die einzelnen Themen in langgezogenen, virtuosen Improvisationslinien zu überführen.

Das gleiche kann man über den glänzend aufgelegten Gitarristen Philipp van Endert sagen, von der instrumentalen Beherrschung her sicher einer der stärksten Musiker, die in den vergangenen Jahren im Ettlinger Jazz-Club aufgetreten sind. Und die Arbeit von Leonard Jones am Bass gehört auch in den Bereich „Kabinettstück": Ebenso unauffällig wie elegant ging er jeden Tempowechsel mit und sorgte jederzeit für das präzise rhythmische Fundament.

Heinz Klusch

 

BNN 09.03.2009
Szenenapplaus nach dem Solo
Klaus Ignatzek Trio erstmals im Ettlinger Jazzkeller zu Gast

Text von Heinz Klusch

Seit vielen Jahren ist der Oldenburger Pianist in der deutschen Jazzszene aktiv - sowohl mit eigenen Formationen als auch als Begleiter amerikanischer Solisten - und ist bei seinen Tourneen in fast allen Clubs aufgetreten. Nur in Ettlingen nicht. So tilgte am Freitag der Auftritt des Klaus Ignatzek Trios im Birdland59 einen weißen Fleck auf der Jazzlandkarte.

Die Musiker - neben Ignatzek noch die Sängerin Susanne Menzel und der Bassist Peter Cudek - zeigten sich denn auch begeistert vom außergewöhnlichen und stimmungsvollen Ambiente des Kellergewölbes. Dass der Auftritt des Trios beim für Ettlinger Verhältnisse nicht so zahlreichen Publikum nicht die gleiche Begeisterung auslösen konnte, lag daran, dass das Trio über weite Strecken nur zu Zweidrittel überzeugen konnte. Denn Sängerin Susanne Menzel, die zu den Eigenkompositionen Ignatzeks auch die Texte beisteuerte, hat zwar Jazzgesang studiert und verfügt über die entsprechende Technik. Aber stimmlich klang es nur in den Mittellagen überzeugend und zur echten Jazzsängerin fehlte auch ein bisschen das rechte „feeling“, vor allem bei den temporeichen Titeln.

So war es bezeichnend, dass mit „But Not For Me“ und dem sehr einfühlsam interpretierten „Someone To Watch Over Me“ zwei Balladen der Gebrüder Gershwin zu den Höhepunkten des Abends gerieten, der ansonsten seine Qualitäten eher bei den beiden Instrumentalisten hatte. Denn Klaus Ignatzek verfügt natürlich um einen über eine stupende Technik, zum andern aber auch über das Händchen für den gemäßigten Mainstream, in dem auch seine eigenen Kompositionen anzusiedeln sind. Da alternieren virtuose Läufe mit kräftigen Blockakkorden, da gibt es Tempowechsel und auch mal ein Zitat wie bei „Message to Art“, einer gelungenen Hommage an den großen Jazzschlagzeuger Art Blakey.

Mit dem slowakischen Bassisten Peter Cudek hatte er einen kongenialen Partner mitgebracht. Er bestach nicht nur durch sein präzises Rhythmusspiel, sondern setzte mit dem Bass auch als Soloinstrument ein. Und wenn er sich dann noch gesanglich selbst begleitete, dann ergab das ein sehr spannendes Hörerlebnis.

Das alles addierte sich zu einem Konzert, das sich vor allem im zweiten Teil steigerte. Das anfangs eher zurückhaltende Auditorium spendete erstmals den ansonsten obligatorischen Szenenapplaus nach einem Solo und erklatschte sich dann auch noch die üblichen Zugaben. Andererseits - und das ist im „Birdland“ wirklich nicht die Regel - waren in der Pause auch schon einige Jazzfans gegangen.

Heinz Klusch

 

BNN 16.02.2009
Oldtime-Jazz mit Überaschung
Das französische Septett „Les Celestins“ begeistert im Ettlinger Birdland-Keller

Text von Heinz Klusch

Seit 35 Jahren stehen die Jazzer gemeinsam auf der Bühne.

Es ist doch immer wieder schön, wenn man bei einem Jazzkonzert die eigenen Vorurteile korrigieren darf. Zum Beispiel die Ansicht, dass der Oldtime-Jazz zwar beim Publikum ankommt, in Bezug auf Innovation und Improvisation aber keinerlei Überraschungen mehr bringt. Den Gegenbeweis erbrachte am Freitag das Septett „Les Celestins“, das den Ettlinger Jazzclub im Sturm eroberte.

Der Name der Truppe mit Musikern aus Straßburg und Colmar erinnert an Oscar „Papa“ Celestin (1884 bis 1954), den schwarzen Trompeter, der für den New Orleans Jazz stilbildend war. Erfreulicherweise nehmen es aber die Musiker mit dieser programmatischen Ansage nicht so genau. Das fängt mit der Besetzung an. Denn zu der klassischen New Orleans-Formation - Rhythmusgruppe, Trompete und Klarinette - kommen hier noch zwei Saxofonspieler, was dann wunderschöne, melodisch präzise Bläsersätze ermöglicht. 

Auch bei der Titelauswahl überschreitet man die stilistischen Grenzen. „Wir suchen uns aus der Zeit zwischen 1910 und 1930 einfach die Stücke heraus, die uns Spaß machen“, erläutert Saxofonist Christophe Burger in der Pause, „auch wenn es natürlich immer wieder Puristen gibt, die dann sagen, das sei aber kein New-Orleans-Jazz mehr“. Da passt dann zu den Klassikern des Genres auch eine Swingnummer wie „Some Of These Days“ oder, als einer der Höhepunkte, eine Adaption einer Hommage an New Orleans, die vor vier Jahren für Wynton Marsalis geschrieben wurde.

Seit 35 Jahren spielen die vergnügten älteren Herren, die geschätzt mehr als 400 Jahre auf die Bühne des „Birdland“ brachten, nun in dieser Formation zusammen. Und das hörte man: Allesamt hervorragende Musiker, ein eingespieltes Team, so dass die Wechsel zwischen Einzel- und Kollektivimprovisationen wie am Schnürchen klappten. Dazu kam eine präzise Rhythmusgruppe mit dem Drummer Jean-Louis Fernandez, dem glänzend aufgelegten Jean-Marie Wihlm am Banjo und dem Sousafon von Paul Isenmann als optischem Hingucker. Dessen Brüder Pierre (Kornett) und George (Posaune) standen zusammen mit Robert Merian (Klarinette, Saxofon) und Christophe Burger an vorderster Bläserfront. Das Publikum im gut besuchten Club war sehr zu Recht begeistert und in der Form möchte man „Les Celestins“ sehr gerne wiederhören. Vielleicht könnte man das dann als Fortbildung für all die Jazz-Fans anbieten, die „Dixieland“ immer noch als musikalisch- juxige „Sättigungsbeilage“ zu vollen Bierkrügen ansehen.

Heinz Klusch

 

BNN 03.02.2009
Unterhaltsamer Abend
Erbprinz Karl Friedrich und seine „Jivemates“ im Birdland

Aneinanderreihung von Ohrwürmern
Text von Heinz Klusch

Vor fünf Jahren gab sich seine Durchlaucht im Ettlinger Jazzclub schon einmal die Ehre und jetzt war es wieder so weit: Die Kenner der Szene wissen natürlich, wer sich hinter der Formation „Charly and the Jivemates“ verbirgt.
Denn Charly ist kein Geringerer als Erbprinz Karl Friedrich von Hohenzollern, der im „Hauptberuf“ die Geschicke des Hauses Hohenzollern lenkt, aber immer wieder Zeit für sein jazziges Hobby findet. Und seine „bürgerliche“ Begleitcombo - ein Quartett gestandener Profimusiker aus dem Raum Stuttgart - stand ihm weitgehend unverändert zur Seite.

Geblieben ist natürlich auch das Repertoire der „Jivemates“. Man bedient sich aus dem unerschöpflichen Repertoire der Rhythm-and-Blues Standards der 40er und 50er Jahre, versetzt mit einer gehörigen Portion Broadwayentertainment und Klassikern von Dean Martin und Frank Sinatra.

Die meisten Titel sind hinlänglich bekannt, das bewies das Ah und Oh des kopfstarken Publikums schon bei der Ansage.
Kracher wie der einleitende „Choo Choo Boogie“ von Louis Jordan bringen eben die Zuhörer kollektiv zum Mitwippen. Nummern wie der Gassenhauer „Shake, Rattle And Roll“ oder „Route 66“ sind ebenfalls reine Selbstgänger. 
Auch bei den Balladen gab es nur die Rosinen aus dem Repertoire: „Georgia On My Mind“ natürlich - was den Publikumskommentar „Yes we can“ provozierte - und mit „I've Got You Under My Skin“ wohl den schönsten Titel, den Cole Porter je geschrieben hat.

Bei all den Ohrwürmern hatte das Quintett neben Charly seine helle Freude und hörbar keinerlei Schwierigkeiten. 
Ließ es Durchlaucht mit Gitarre und Saxofon tempomäßig krachen, hatte er mit Norbert Rettenmeier (Saxofon, Vibrafon) und dem Pianisten Frieder Berlin kongeniale Mitstreiter. 
Und Paul Müller am Bass sorgte im Verein mit dem versierten Schlagzeuger Peter Schmidt für den soliden Rhythmus, der selten einmal das stilistisch vorgeschriebene Vierviertelmaß verließ. 
Was sich in den fünf Jahren aber auch nicht geändert hat, sind die Einschränkungen, die man anmerken muss. Charly ist als Instrumentalist sicher überzeugender denn als Sänger. Das klingt gelegentlich etwas flach und sehr brav, obwohl man bei seiner gepflegten Aussprache endlich einmal den ganzen Text von „Shake, Rattle And Roll“ versteht. 
Dem Publikum war das einerlei, es genoss den Unterhaltungswert des Abends.

Heinz Klusch

2008

BNN 15.12.2008

Mischung unterschiedlicher Stile
Formation „Salta Cello“ überzeugte die meisten Zuhörer

Jazz-Puristen nicht ganz zufrieden: „Wann gibt's in einem Jazz-Club dreisätzige Suiten?“
Text von Heinz Klusch

Wohl selten einmal gab es so unterschiedliche Einschätzungen eines Konzerts wie am vergangenen Freitag im Ettlinger Birdland59.
Das letzte Konzert des Jahres bestritt traditionsgemäß eine Formation aus der Region und die Wahl war auf das Quintett „Salta Cello“ gefallen, bei dem der Pianist Peter Schindler musikalisch die Fäden zieht und der Ettlinger „Lokalmatador“ Peter Lehel den Saxofonpart übernommen hat.
Die große Mehrheit im gut besuchten Keller war von dem Gehörten mehr als angetan und hatte gute Gründe dafür. Zum einen ist das musikalische Konzept Peter Schindlers sehr spannend.
Er verbindet klassische Elemente mit Jazzharmonien, kombiniert Formtreue mit gegenläufigen Rhythmen, wobei in seinen kammermusikalisch durchkomponierten Themen die lateinamerikanische Populärmusik breiten Raum einnimmt.

Kurzum, die Musik von „Salta Cello“ ist eine überzeugende Mischung ganz unterschiedlicher Stilrichtungen, was auch im Ablauf des Konzerts deutlich wird: Wann hört man in einem Jazzclub schon einmal dreisätzige Suiten?
Zweites Plus: Für die Umsetzung dieses Konzepts ist die Besetzung des Quintetts geradezu ideal.
Um ein Beispiel zu nennen: Bei „Sahara Sunrise“ stellten Peter Lehel und der Cellist Wolfgang Schindler das Thema unisono vor, das dann zusammen mit dem Klavier harmonisch entfaltet wurde.

Mini Schulz am Bass sorgte zusammen mit Markus Faller am Schlagzeug für das rhythmische Fundament und so addierte sich das alles zu einem Klangerlebnis, das fast alle Zuhörer zum genussvollen Schwelgen brachte.
Aber da war auch noch eine Minderheit, die nicht ganz zufrieden war.
Auch dafür gab es gute Gründe. Eine Minderheit, die nicht ganz zufrieden war.
Auch dafür gibt es Gründe. Denn mit Jazz in seiner originären Form hatte der Auftritt wenig zu tun.

Sehr wenig Raum für Improvisationen, allzu gefällige, sehr auf den Effekt hin arrangierte Themen - auf diesen kurzen Nenner lässt sich die Gegenposition bringen, wobei die Qualität der exzellenten Musiker nie zur Debatte stand.

Einige Stücke im zweiten Teil des Auftritts waren aber immerhin geeignet, beide Lager etwas zu versöhnen.
Etwa bei einer nicht geplanten Einlage, die auf Wunsch des Programmplaners Didi Sanft zustande kam.
Beim schmissigen „The Bear, The Mouse And The Foxtrot“ ließen die Musiker ihrer Spielfreude freien Lauf: Das klang stellenweise wie eine ziemlich verstimmte Zirkuskapelle, was natürlich an den herrlich schrägen Harmonien lag.

Fazit: Ein wohlklingender Jahresabschluss für die Ettlinger Jazzfans. Und die Vorschau für 2009 lässt ahnen, dass auch für die Jazz-Puristen etwas dabei ist. 

Heinz Klusch

 

BNN 10.11.2008
Neue Einsichten über bekannte Standards
Martin Schnabel wartete im „Birdland59“ auf seiner Geige mit expressiven Läufen auf

Text von Heinz Klusch

Die Ankündigung klang zunächst nicht gerade vielversprechend: Für den Termin am Freitag im „Birdland59“, dem Ettlinger Jazzclub hatten sich der Martin Schnabel und sein „Hot Club Quartett“ angesagt. Damit war für die Jazzkenner im Prinzip alles klar. Es wird musikalisch um die swingenden Adaptionen gehen, mit denen der Gitarrist Django Reinhardt und Stephane Grappelli vor über sechzig Jahren zwei Dinge bewiesen: Zum einen sind die Sinti-Weisen ebenso swing-kompatibel wie die gängigen Standards, zum anderen ist auch die klassische Geige ein jazztaugliches Instrument.

Und so begann der Abend dann auch. Zunächst waren Standards wie „All Of Me“ oder „Septemberwind“ angesagt, bei denen das Quartett - neben Martin Schnabel noch der Akkordeon-Spieler Gerhard Schniewe, Werner Acker (Gitarre) und Hansi Schuller
am Bass - sich nicht hörbar mühen musste. Und danach mit „Nuages“ die Ballade von Django Reinhardt, die stilbildend für das Genre des swingenden Sinti-Jazz gelten kann.

Dass sich dann aber ein musikalisch sehr spannender Abend entwickelte, hatte zwei Gründe. Zum einen zeigten sich die Musiker souverän genug, die harmonischen Vorgaben vor allem bei den Soli behutsam aufzulösen. Da steuerte etwa Martin Schnabel mit seiner Geige expressive Läufe bei, wie sie bei seinen „klassischen“ Kollegen nicht vorstellbar gewesen wären. Das zweite Plus war der Einsatz des Akkordeons. Was Gerhard Schiewe da bot, war wirklich die hohe Schule der Improvisation und gleichzeitig die Gelegenheit, ein liebgewonnenes Vorurteil zu beerdigen: Man kann mit der „Quetschkommode“ gleichermaßen jazzig phrasieren als auch die Rhythmusabteilung unterstützen.

Hinzu kam, dass jetzt mit Geige, Gitarre und Akkordeon gleich drei Solo-Instrumente zur Verfügung standen, was immer wieder ein spannendes Wechselspiel ermöglichte - lediglich Hansi Schuller blieb konsequent bei den vorgegebenen Basslinien.
Da gab es dann auch bei längst bekannten Standards ganz neue Einsichten. Etwa das hinreißend „schräge“ Intro bei „Avalon“, das so schön falsch klang - aber die Musiker be kamen natürlich die Kurve zu den richtigen Tönen und dem vorgegebenen hohen Tempo.
Da neben den bekannten Titel auch noch einige Fundsachen geboten wurden – etwa zwei Kompositionen von Titi Winterstein, der die Tradition von Django Reinhardt weiterführt - addierte sich das zu einem Konzert, das sehr wohl neue Erkenntnisse über alte Jazzkapitel lieferte.

Heinz Klusch

 

BNN 21.10.2008
Herr Hering schläft am Schlagzeug ein
Projekt „Jazz für Kinder“ startet mit großer Resonanz in Ettlingen-West

Text von Heinz Klusch

Erwachsene, die alles umständlich erklären und den anderen immer ins Wort fallen, können ziemlich nerven. Vor allem, wenn man selbst erst in den Kindergarten geht. Und der Herr Hering ist ein Musterbeispiel von einem Besserwisser. Da soll er eigentlich nur sein Schlagzeug erklären und fängt dann im Mittelalter und bei den Soldaten an und dann macht er einen Riesenradau mit seinen Trommeln und Becken. Aber glücklicherweise war dann doch alles ganz anders. Denn zum einen konnte sich die Gerburg als Moderatorin ganz gut gegen den Herrn Hering durchsetzen, zum anderen hatte er es natürlich gar nicht so gemeint, sondern nur ein bisschen Theater gespielt. Und er hatte schließlich auch noch seine Kollegen mitgebracht. 

Die Rede ist von „Herr Hering und die Jazzband“, die am Samstagnachmittag in der Kindertagesstätte „Sternenzelt“ im Lindenweg musizieren. Der Auftritt gehört zu dem Projekt „Jazz für Kinder“, das vom Jazzverband Baden-Württemberg in diesem Jahr initiiert und von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert wird und vom Jazz-Club Ettlingen durchgeführt wurde. 

Für Monika Maier, die „Sternenzelt“-Leiterin, die sich bei der Gelegenheit gleich als Jazzfan outet, ein Glücksfall: „Ich freue mich, dass die Resonanz so groß ist. Immerhin haben sich mehr als fünfzig Kinder mit ihren Eltern angemeldet. Moderatorin Gerburg Maria Müller stellte zunächst einmal die Instrumente vor, dabei wusste Herr Hering am Schlagzeug wie erwähnt alles besser. Da erfuhren die Kinder, dass der Matthias (Debus) einen Kontrabass spielt und der Claus (Kiesselbach) das Vibraphon bedient. Bloß beim Jochen Welsch gab es ein Problem: Wie bekommt man aus seiner Posaune einen Ton heraus? Der „coole“ Rat eines Mädchens aus dem Publikum: „An dem Ding ziehen und pusten!“ half zunächst nicht weiter. Erst als alle gemeinsam ein startendes Motorrad simulierten, kamen beim Jochen auch Töne heraus - und das führte dann zu der Erkennungsmelodie aus dem Film „Pink Panther“. 

So gesehen ging das Konzept von Herrn Hering - das ist übrigens sein Vorname, richtig heißt er Hering Cerin und gehört wie seine Mitstreiter zur Mannheimer Jazzszene - voll auf: 
Kindern sollen in einer Stunde die Grundbegriffe des Jazz, also Improvisation und der Einsatz der Instrumente nahe gebracht werden. Das bestätigte auch Onkel Bernhard (Henkel), der Chef des Landesjazzverbandes, der eigens gekommen war, um sich von der Wirkung seines Projektes zu überzeugen. 

Wobei auch die Profis auf der Bühne immer mit Überraschungen rechnen müssen. Denn auf die Frage, welche Tiere denn auf einem Bauernhof leben - Man wollte anhand von „Old MacDonald had a farm“ die verschiedenen Rhythmen thematisieren - forderte das begeistert mitgehende Auditorium stürmisch einen Tiger. Den gibt es jetzt auch im Lied - als Ettlinger Premiere. 
Am Ende waren alle begeistert. Für die Zeitung fasste Mirka (4) ihre Eindrücke noch einmal zusammen: „Am schönsten fand ich, als Herr Hering am Schlagzeug eingeschlafen ist, Dann haben wir alle leise mit der Gerburg auf Drei gezählt, dann ist er aufgewacht und hat ganz anders weitergespielt.“ 
So schön hat man dem Herrn Hering noch nie einen Tempowechsel erklärt.
Heinz Klusch

 

BNN 14.10.2008
Musikalische Profis waren in Spiellaune
Text von Heinz Klusch

„Wir spielen nicht sehr oft in dieser Formation zusammen“ - so hatte Klaus Graf den Auftritt am Freitag im Ettlinger Jazzclub eröffnet - „aber wenn, dann sehr heftig.“
Damit hatte er ein großes Wort gelassen ausgesprochen. Denn der fulminante Auftritt von „Sir Charles and his Groovemasters“ im „Birdland59" lieferte den hörbaren Beweis, was Graf (alias Sir Charles) mit „heftig“ gemeint hatte.
Ein Feuerwerk von Jazzklassikem, von denen die meisten im Bereich des souligen Hardbops angesiedelt waren, jene Stilrichtung also, die in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem durch Cannonball Adderley und Horace Silver populär geworden war.

Beim einleitenden „Jive Samba“ von Adderley gab Graf mit einem ebenso langen wie spannend-expressiven Solo auf seinem Altsaxofon gleich die Marschrichtung vor.
Und spätestens beim folgenden „Senor Blues“ von Horace Silver wurde klar, dass die „Groovemasters“ ausgesprochen gut drauf waren. Das war nicht weiter verwunderlich, denn Uli Möck (Piano), Markus Bodenseh (Bass) und der Schlagzeuger Obi Jenne haben ihr Können in unzähligen anderen Formationen - auch im „Birdland“ - unter Beweis gestellt.

Wenn solche Profis, allesamt hervorragende und technisch versierte Solisten, zusammenspielen, sind Kommunikationsprobleme kaum zu erwarten.
Im Gegenteil: Das exzellente Zusammenspiel unter den Musikern bewies, dass sie es genossen, es wieder einmal „richtig krachen“ zu lassen.
So reihten sich die Klassiker des Genres wie die Perlen an der Schnur. Von Freddie Hubbard gab es „Red Clay“, Miles Davis war mit „Blue in green“ würdig vertreten.
Und die funkig arrangierten „neuen“ Titel - etwa die Graf-Komposition „Moving on" und „Fragile“ eine gefühlvolle Adaption eines Popsongs von Sting - passten hervorragend in das musikalische Gesamtkonzept.
Das Gleiche gilt für Herbie Hancock, den es nach der Pause gleich im Dreierpack als Medley gab.
Die Spiellaune auf der Bühne übertrug sich blitzschnell auf die Zuhörer im nicht ganz voll besetzten „Birdland“.
Und wenn sogar die fleißigen Helfer hinter dem Tresen kollektiv mitwippen, dann ist das ein klares Anzeichen dafür, dass die jazzige Botschaft angekommen war.
Als Zugabe kam dann das, was bei einem solchen Konzert immer kommen sollte: „Mercy, mercy, mercy“, der Titel, der in der Interpretation von Cannonball Adderley zu einem Klassiker geworden ist.
Heinz Klusch

 

BNN 22.09.2008
Neue Einsichten zu Latinjazz 
Martin Müller setzt im Birdland59 solistische Glanzlichter

Text von Heinz Klusch

Seit sechs Jahren gibt es nun das Projekt „Rua Baden Powell“, das der in Hohenwettersbach lebende Gitarrist Martin Müller einem kleinen Sträßchen auf Madeira und seinem großen Vorbild, dem brasilianischen Ausnahmemusiker und Komponisten Baden Powell (1937 - 2000) gewidmet hat.
Mit wechselnder Besetzung, aber stets mit dem gleichen Ziel: Die Klänge und Rhythmen der populären brasilianischen Musik auch hierzulande einem breiteren Publikum nahe bringen.
Wobei hier noch eines dazu kommt. Martin Müller ist nicht nur ein profunder Kenner der brasilianischen Musik, sondern er beweist auch mit seinen eigenen Kompositionen, dass man nicht gerade in den Favelas von Rio de Janeiro aufgewachsen sein muss, um das Gefühl für die Sambas und Bossa Novas nachempfinden zu können.
Von beidem - von den Standards wie dem unverwüstlichen „Desafinado“ oder „Wave“ bis hin zu den selbstgeschriebenen Titel Martin Müllers - gab es am Freitag im gutbesuchten „Birdland59“ ausgewogen viel zu hören.
Aber der Auftritt des „Rua Baden Powell Projekts“ beim Ettlinger Jazzclub war noch aus anderen Gründen spannend.
Denn zu der obligaten Rhythmussektion - Markus Bodenseh (Bass) und der kurzfristig eingesprungene Jochen Weiss am Schlagzeug hatten damit überhaupt keine Probleme - gibt es bei dem Projekt immer noch eine Sängerin und einen Instrumentalisten.
Nun weiß man von Florian Posers diversen Formationen, dass er in der nationalen Jazzszene eine hervorragende Adresse ist.
Die Frage, ob sein Vibraphon auch zu südamerikanischen Rhythmen passt, wurde spätestens beim zweiten Titel „Brazil inside“, einer Komposition Martin Müllers, beantwortet: Er muss wohl südamerikanische Wurzeln haben, denn anders kann man die traumhafte Sicherheit nicht erklären, mit der er sich durch die durchaus rhythmisch vertrackten Melodielinien durchfand und immer wieder auch zusammen mit Martin Müllers Gitarre die solistischen Glanzlichter setzte.

Prächtig interpretierte Standards als Zugabe

Und als die brasilianische Sängerin Yara Linss die anfängliche Nervosität bei ihrem ersten Einsatz im Ettlinger Jazzclub abgelegt hatte - wobei hörbar wurde, dass ihre Stärke bei den Balladen wie Jobims herzergreifendem „A Felicidade“ und den tieferen Lagen liegt - summierte sich das alles zu einem ungemein positiven „Workshop“, bei dem die Zuhörer neue, wertvolle Erkenntnisse darüber erhielten, was in der Latinjazz-Region angesagt ist.
Dementsprechend stark war auch der Applaus und dafür gab es mit „Wave“ und „Manha de carneval“ noch zwei prächtige interpretierte Standards als Zugabe.
Heinz Klusch

 

BNN 16.09.2008
Stimmungsvoller Auftakt 
Gustl Mayer und Petrocca-Quartett im Ettlinger Birdland

Text von Heinz Klusch

Wenn man hierzulande von „Jazzlegenden“ spricht, dann sind das zumeist US-Größen, die sich ihr Renommee vor Jahren in diversen Formationen dort erspielt haben und bei denen man sich über zwei Dinge freut: Zum einen sind sie noch gut drauf und zum anderen kommen sie nach Europa, um dort aufzutreten.
Aber inzwischen gibt es diese „Legenden“ auch in der nationalen Szene und da zählt ganz bestimmt Günter „Gustl“ Mayer dazu: Jahr-gang 1936, ein richtiges Musikstudium, dann viel Anhörungsunterricht in den amerikanischen Clubs.
Neben der aktiven Musik - unter anderem mit Clark Terry, aber auch mit Paul Kuhn, mit dem er heute noch auf Jazz-Kreuzfahrt geht - sorgte er beim Hessischen Rundfunk dafür, dass der Jazz auch auf den Bildschirm kam.
Zumindest in der Zeit, als der Jazz noch ein öffentlich-rechtliches Programmthema war.

Gustl Mayer - eine Legende des deutschen Jazz

Dieser Gustl Mayer war nun nach Ettlingen gekommen, um zusammen mit dem Quartett des Gitarristen Lorenzo Petrocca die neue Spielzeit des Ettlinger Jazzclubs „Birdland59“ zu eröffnen.
Fürwahr eine gute Wahl, denn Mayer hatte bereits vor vier Jahren beim Geburtstagskonzert zum Zehnjährigen des Clubs bewiesen, dass er bei den Swing-Saxophonisten in Deutschland derzeit immer noch keine Konkurrenz fürchten muss.
So kam es dann auch. Nach der obligatorischen Anfrage des Pianisten Thilo Wagner: „Seid ihr bereit“ - starteten die fünf Musiker auf der Bühne eine kraftvolle Tour durch die Klassiker der Swingära, die mit dem Standard „Things ain't what they used to be“ einsetzte und mit dem Standard „Our love is here to stay“ - vermutlich dem letzten Titel, den George Gershwin vor seinem Tode schrieb - noch lange nicht beendet war.
Bei all den Nummern, die stilistisch an der Schnittstelle zwischen Swing und Bebop angesiedelt waren, wobei der swingende Anteil eindeutig dominierte, wurde unüberhörbar, dass Gustl Mayer seinem „historischen“ Selmer Saxophon immer noch sehr kraftvolle Läufe abgewinnen kann.
Und wenn man die Titel dank jahrzehntelanger Praxis abspeichert hat, dann genügt wirklich der Hinweis auf die Tonart und die Harmoniefolge, um Titeln wie der Ballade „New Orleans“ ein das Jazzerherz ergreifendes Solo abzugewinnen.

Um die Qualität des begleitenden Quartetts richtig einschätzen zu können, genügte eigentlich der letzte Titel vor der Pause: „Cottontails“.
Lorenzo Petrocca, der zuvor schon solistisch sehr positiv aufgefallen war, brach hier offensichtlich den Club-Rekord für rasante Läufe auf der Gitarre, Jens Loh (Bass) und Patrick Manzecchi (Schlagzeug) steuerten den präzisen Rhythmus bei und Thilo Wagner am Flügel hatte die Qual der Wahl: Soll ich die Kollegen bei den solistischen Ausflügen von Gustl Mayer oder Lorenzo Petrocca rhythmisch unterstützen oder selbst als Solist in das improvisatorische Unternehmen eingreifen?
Beides bereitete ihm wenig Mühe und so addierte sich das alles zu einem stimmungsvollen Auftakt in die neue Spielzeit des „Birdland59“.
Heinz Klusch

 

BNN 10.06.2008
Das war eine super Sache
Positive Resonanz auf Landesjazzfestival / Kritik an Werbung und Toiletten

Von unserem Redaktionsmitglied Heidi Schulte-Walter

Ettlingen. Werner Mayer, Chef des Ettlinger Jazzclubs Birdland 59, ist erschöpft, aber glücklich: „Wir haben den Jazz unter die Leute gebracht“, resümiert er.
Das Landesjazzfestival, das an zwei Wochenenden Tausende Fans an die Alb lockte, war aus seiner Sicht eine „super Sache“.
Ob es sich auch finanziell gelohnt hat oder zumindest keine allzu großen Löcher in die Kasse gerissen wurden, konnte er gestern nicht sagen.
„Unser Schatzmeister rechnet noch“.
Gerechnet wird auch bei der Stadt Ettlingen, neben dem Jazzclub Veranstalter des Ereignisses, das sich sowohl im Freien als auch in der Schlossgartenhalle und im Gewölbekeller unter der Musikschule abspielte.
Kulturamtsleiter Robert Determann ließ wissen, die vorgesehenen 10.000 Euro von der Stadt würden wohl „nicht ganz reichen“.
Anlass zu Sorge ist das für ihn aber nicht. Denn: „Die Resonanz auf das Festival war so positiv, das muss uns im Notfall einen kleinen Nachschlag wert sein“.
Sowohl das musikalische Programm (dafür zeichnete der Ettlinger Jazzclub und hier speziell Didi Sanft verantwortlich) als auch die Präsentation, der Bühnenaufbau, Technik und Abmischung seien von Besuchern gelobt worden.
Die Auswahl von Swing über Dixie zu Bebop hat sich für Werner Mayer „ganz klar bewährt“.
Damit sei es gelungen, ein breites Publikum anzusprechen und Leute zu interessieren, „die mit Jazz sonst nicht so viel anfangen können“.
Vor allem am zurückliegenden Sonntag seien vor dem Schloss viele Familien mit Kindern gesichtet worden, weil es dort ein spezielles Jazz-Angebot für den Nachwuchs gab.

Alle zwei Jahre ein Jazzwochenende in Ettlingen?

Bei aller Euphorie: es gab auch Kritikpunkte. So bemängelten Festivalbesucher, dass für das Ereignis unter freiem Himmel und in Gebäuden zu wenig geworben worden sei.
In der Tat: Große Plakate, etwa an den Stadteingängen oder am Schloss, waren Fehlanzeige, Jazzkneipen in Karlsruhe wurden im Vorfeld nur unzureichend mit Infomaterial bestückt.
So räumt denn auch Robert Determann hier Versäumnisse ein: „Das muss uns eine Lehre für die Zukunft sein“.
Allerdings lasse der Etat für ein solches Festival nur „begrenzten Spielraum“, um umfangreich zu werben.
Verärgerung von Gästen, die monierten, es habe keinen Toilettenwagen gegeben, kann Determann zwar nachvollziehen ( „das ist uns schlicht durch“), indes verweist er auf die „nette Toilette“ in den Ettlinger Gastrobetrieben.
Zu klären sei, ob die Sparkasse bei künftigen Großereignissen nicht das Parkhaus am Neuen Markt eine Stunde länger offen lassen könne. Zur Erinnerung: am ersten Festivalwochenende als zusätzlich „Alb in Flammen“ für eine proppenvolle Innenstadt sorgte, stand so mancher „Heimkehrer“ zu vorgerückter Stunde vor einer schon geschlossenen Tiefgarage und musste sich ein Taxi rufen.
Übereinstimmend sagen Werner Mayer und Robert Determann, dass sie sich in regelmäßigen Abständen (alle zwei Jahre?) ein Jazz-Wochenende in der Stadt vorstellen können.
Mit kleinem, aber feinem Programm, mit Konzerten im Freien und unterm Dach.
Der Jazzclub, so Mayer, sei gerne bereit, am Programm mitzuarbeiten, ein weiterer finanzieller und personeller Kraftakt wie das Landesjazzfestival sei aber für die Ehrenamtlichen nicht drin.

 

BNN 09.06.2008
Mitreißende Schlacht
US-Jazzgrößen in Ettlingen

Schon immer hat der amerikanische Saxofonist Harry Allen den zwölf Jahre älteren Scott Hamilton als den Musiker bezeichnet, der ihn am meisten geprägt hat.
So klang die Ankündigung vielversprechend, dass beide beim Ettlinger Landesjazzfestivals gemeinsam auftreten würden.
Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
Der begeisternde Auftritt der beiden Solisten im Rahmen eines Doppelkonzerts am Samstag - den zweiten Teil bestritt das Anke-Helfrich-Trio mit dem dänischen Trompeter Jens Winther - war sicher einer der musikalischen Höhepunkte des Festivals, das an zwei Wochenenden mit über 20 Konzerten das breite Spektrum des Jazz in Ettlingen präsentierte.

Mit geschlossenen Augen war kaum festzustellen, ob denn nun Hamilton oder Allen gerade solistisch aktiv war. Beide verfügen über eine stupende Technik, die ihnen erlaubt, die harmonischen Grundstrukturen in langen, gelegentlich expressiven Läufen zu entfalten.
Beide Musiker zeichnet auch der warme, bei Balladen geradezu lyrische Ton aus, mit dem vor allem Hamilton nach seinen Anfängen bei Benny Goodman in den 80er und 90er Jahren die Tradition von Zoot Sims und Ben Webster fortsetzte.
Mit solchen Pfunden kann man natürlich wuchern. So war es nur konsequent, dass der Auftritt in der Schlossgartenhalle mit dem Big-Band-Ohrwurm „Just you, just me“ in einem Arrangement von Zoot Sims und Al Cohn begann. Hier und bei den folgenden Titeln wie einer swingenden Version des Spirituals „Lonesome Road“ oder Dizzy Gillespies „Groovin' High“ wurde die geschickte Arbeitsteilung deutlich: Nach dem Unisono-Einstieg alternierten die beiden bei den Soli, um zum Ende in ein kraftvolles „Battle“ einzusteigen, bei dem sie sich augenzwinkernd mit diversen Zitaten aus ganz anderen Titeln die Vorlagen zum Improvisieren gaben.

Der 90-minütige Auftritt, der mit einer hin-reißenden „Saxofon-Schlacht" auf der Basis des unverwüstlichen „Blues up and down“ endete, lieferte noch eine weitere Erkenntnis: Die regelmäßige Zusammenarbeit mit den US-Größen lässt auch die deutschen Musiker an ihren Aufgaben wachsen.
So bewies das begleitende Trio des Stuttgarter Pianisten Olaf Polziehn - mit dem Bassisten Ingmar Heller und dem englischen Schlagzeuger Steve Brown - dass es hier nicht nur darum ging, einen präzisen Rhythmus unter die solistischen Höhenflüge der beiden Frontmänner zu legen. Alle drei konnten sich auch solistisch auszeichnen - und dafür gab es dann neben viel Beifall auch ein anerkennendes Lächeln der KolIegen aus Übersee.

Der große Publikumszuspruch beim Festival, das vom Landesjazzverband zusammen mit dem Kulturamt der Stadt und dem lokalen Jazzclub „Birdland 59“ veranstaltet wurde, beflügelt natürlich die Programmgestalter.
Da vor allem die Konzerte in der Innenstadt sehr gut angenommen wurden, kann sich Kulturdezernent Robert Determann sehr wohl vorstellen, dass ein „Jazz Open Ettlingen“ zu einer festen Einrichtung wird. Hgk

 

BNN 09.06.2008
Jazz auf der Straße und furioser Sound in der Halle
Landesjazzfestival mit Dixie-Frühstück auf der Wilhelmshöhe / 
Peter Lehel begeisterte mit Kinderprogramm

Henner Klusch

Ettlingen. Am Samstagvormittag wurde es den Marktbesuchern in Ettlingen unüberhörbar klar, dass der zweite Teil des Landesjazzfestivals angesagt war. Da wanderte nämlich eine siebenköpfige „Marching Band“ durch die Innenstadt und erzeugte einen Hauch von New-Orleans-Stimmung bei den animierten Passanten kollektives Mitwippen. Dass die Alb nach diversen Klassikern des Genres in „Mini-Mississippi“ umgetauft wird, bleibt allerdings ein unbestätigtes Gerücht (siehe Kultur). Wobei die Gründung der Truppe - wie Trompeter Andy Lawrence der Stuttgarter Szene zuzurechnen - etwas mit einer schwäbischen Tugend zu tun hat. „1995 beim Jazz Open hat man eine teure Truppe aus New Orleans eingeflogen“, erzählt Bandleader Alexander Sterzel schmunzelnd, „und da wurden wir gefragt, ob wir das nicht selber machen können, das sei doch schließlich billiger.“ Wobei man nach der Qualität des Gehörten feststellen kann, dass preiswert nicht gleichbedeutend mit schlecht sein muss. Das Straßenkonzert war aber nur der Einstieg in jede Menge Jazz. Nachdem am Freitagabend vor dem Auftritt der Sängerin Cecile Verny der Jazzchor Ettlingen zusammen mit den Fun-Tappers bewiesen hatte, wie kraftvoll swingend die lokale Szene sein kann, gab es am Samstag volles Programm. Konkret hieß das für den bekennenden Jazzfan: Zuerst auf dem Schlossplatz bei den „Jubilee Jumpers“ swingend ein paar Tanzschritte ausprobieren - „Wann hat man den Ettlinger Musiker Steffen Dix schon mal im Anzug gesehen?“ - dann in die Schlossgartenhalle zum Doppelkonzert mit „guten Freunden des Clubs“, wie „Birdland-59“-Präses Werner Mayer stolz feststellen konnte. Und da die meisten dann immer noch nicht genug hatten, war es bei der „After-Show-Session“ im Keller der Musikschule auch noch ziemlich voll. Etwa am Samstag: Da stiegen die Musiker des Abendkonzerts gleich noch spontan in eine Session ein, die um 3 Uhr morgens immer noch nicht beendet war. Gelernt hatte auch die Verantwortlichen bei der Stadt in Sachen Sanitäranlagen: In der Schlossgartenhalle waren die Toiletten auf. Da man in diesen Tagen um den Fußball nicht herumkommt, gab es beim Abschlusskonzert in der Schlossgartenhalle für Werner Mayer nur eine Parole: „Ihr müsst rechtzeitig vor dem Spiel der deutschen Mannschaft fertig sein.“ So geriet der Auftritt der Bobby Burgess Big Band mit dem Vibrafonisten Dizzy Krisch zum stimmungsvollen „Abpfiff“ des Festivals, das Ettlingen wirklich zum Swingen gebracht hatte.

Das gleiche Bild am Sonntag.
Als gegen Mittag sogar die Sonne herauskam, musste man sich um das „Dixie Frühstück“ auf der Wilheimshöhe - hier agierten die Reutlinger „Hardt Stompers“ - keine Sorgen machen.
Und dann sorgte Lokalmatador Peter Lehel nachmittags auf dem Schlossplatz für einen weiteren Höhepunkt.
Denn er präsentierte seinen „Hoppel Hoppel Rhythm Club“; ein Projekt, das er mit den Mitstreitern Peter Schindler (Klavier), Mini Schulz (Bass) und Obi Jenne (Schlagzeug) erarbeitet hatte.
Das Ziel: Kindern und Erwachsenen - die Altersgrenze wurde einfach auf 100 Jahre festgesetzt - den Jazz nahe zu bringen.
Zu „Ein Männlein steht im Walde“ erklärten die Musiker - „Eins, zwei, drei Schnipsmaschine“ erst einmal ihre Instrumente.
Zum Sängerwettstreit zwischen Fuchs und Hase liefert das gut aufgelegte Quartett eine hinreißend falsche Improvisation ab.
Und die coole Hip-Hop-Version von „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ hätte alle Chancen, zumindest in Ettlingen zur offiziellen Olympiahymne zu werden.
Gelernt hatte auch die Verantwortlichen bei der Stadt in Sachen Sanitäranlagen: In der Schlossgartenhalle waren die Toiletten auf.
Da man in diesen Tagen um den Fußball nicht herumkommt, gab es beim Abschlusskonzert in der Schlossgartenhalle für Werner Mayer nur eine Parole: „Ihr müsst rechtzeitig vor dem Spiel der deutschen Mannschaft fertig sein.“
So geriet der Auftritt der Bobby Burgess Big Band mit dem Vibrafonisten Dizzy Krisch zum stimmungsvollen „Abpfiff“ des Festivals, das Ettlingen wirklich zum Swingen gebracht hatte.

Von unserem Mitarbeiter Henner Klusch

 

BNN 02.06.2008
Musikalisch und pyrotechnisch ein wahres Feuerwerk
Ansturm der Massen beim Landesjazzfestival am Freitag und Samstag auf dem Ettlinger Rathausplatz
Text von Heinz Klusch

Am Samstagabend hatte Werner Mayer eine völlig neue Begabung festgestellt. Er kann offensichtlich das Wetter beeinflussen. „Am Freitagabend hat der Regen nach den Begrüßungsreden aufgehört“, so die Bilanz des „Birdland 59“-Chefs, „und auch heute regnet es nur dann, wenn gerade keiner auftritt.“ So erlebte der Auftakt des Landesjazzfestivals im Verbund mit dem Spektakel „Alb in Flammen“ einen wahren Besucheransturm: Als um 23 Uhr das Feuerwerk für bengalische Beleuchtung und großen Jubel sorgte, konnte auf den Albbrücken bestimmt niemand umfallen - so dicht war das Gedränge.

Da freute sich auch der Kulturdezernent Robert Determann: „Unser Konzept, den Besuchermagnet „Alb in Flammen“ mit einem hochwertigen Musikprogramm zu verbinden, ist voll aufgegangen. Die Leute sitzen hier auf dem Marktplatz, hören zu - auch wenn sie vielleicht noch keinen Bezug zum Jazz gehabt haben. Die Stimmung hier ist ganz anders als bei vergleichbaren Popkonzerten - aber jedenfalls ganz toll.“ In der Tat: Die Jazzer auf der großen Marktplatzbühne sorgten in friedlicher Koexistenz mit der Oldiefraktion an der Alb, die vom Diskjockey zum Tanzen animiert wurden, für eine Bombenstimmung in der Altstadt.

Um zum Wetter zurückzukehren. Es war zwar trocken, aber besonders am Samstagmittag, als die Posaunen-Bigband der Musikschule nebst zwei Combos bewies, dass die Ettlinger Jazzszene gewaltig lebt, war es sehr windig. Deshalb war ein Haushaltsutensil sehr gefragt: Wäscheklammern, die verhindern sollten, das es den jungen Musikern die Noten wegwedelte.

„Wäscheklammern sind bestellt“ hieß denn auch die Botschaft von Jazz-Professor Bernd Konrad an die Musiker des Landesjugendjazzorchesters, das am Abend einen furiosen Auftritt hatte. Da gerieten selbst die „alten Hasen“ ins Schwärmen. „Hör dir mal den Trompeter an“ - die Aufforderung von Bernhard Henkel, der Präsident des Jazzverbandes im Ländle hatte das Festival nach Ettlingen vergeben - machte Sinn. Denn was der blutjunge Christian Mehler aus Gärtringen da solistisch abzog, war Spitzenklasse, im Verbund mit einem kompakten, nebenbei hervorragend abgemischten Bigbandsound. Nach der Umbaupause - willkommene Gelegenheit, sich mit Speisen und Getränken einzudecken, wobei die Wahl zwischen Bratwurst und Nasi Goreng nicht einfach war - räumte dann Eva Letticia musikalisch einfach nur ab.

Da in ihrer Band das „Birdland“-Mitglied Steffen Dix auf der Trompete die musikalischen Fäden zieht, ist sie schon häufig im Club aufgetreten. Und voll des Lobes. „Der Ettlinger Club ist für mich eine der besten Auftrittsmöglichkeiten in ganz Deutschland“, so das glaubhafte Statement der temperamentvollen Wahl-New Yorkerin, die mit ihrer Mischung aus Jazz, Pop und lateinamerikanischen Ohrwürmern das Publikum sogar zum Mitsingen und zum Tanzen animierte.

Fazit: Sowohl musikalisch als auch pyrotechnisch ein wahrhaftes Feuerwerk - und ein prächtiger Einstieg in das Festival, das am kommenden Wochenende gleich drei Tage lang die Stadt zum Swingen bringen wird. Bei so viel guter Stimmung kann man auch auf Macherseite ein bisschen ins Wunschträumen geraten. „So ein regelmäßiges Festival „Jazz Open Ettlingen“ unter freiem Himmel wäre doch eine prima Sache“, dachte Robert Determann neben der Bühne laut vor sich hin. Und Werner Mayer hatte da absolut keine Einwände.
hgk

 

BNN 31.05.2008
Jazzfestival ist eröffnet

Ettlingen (hei). Eröffnet ist das Landesjazz-festival in Ettlingen.
Gestern Abend, kaum hatten sich die Gewitterwolken ausgeregnet, strömten Jazzfans aus der Stadt und dem Umland auf den Marktplatz, um zum Auftakt Peter Götzmann's Jazzhop Rhythm & Peter Lehel zu erleben.
Bevor die Musiker zu den Instrumenten griffen, gab's begrüßende Worte von offizieller Seite.
So sagte der Rektor der Musikhochschule Karlsruhe, Professor Hartmut HÖH, das Landesjazzfestival sei „weit mehr als eine Ergänzung der kulturellen Vielfalt“, die in Ettlingen ohnehin herrsche.
Jazz bringe das Lebensgefühl ganzer Generationen zum Ausdruck; Jazz zeichne sich durch „spontane Einfälle“ und „intelligente Wendungen“ aus.
Heute Big-Band-Sound und Jugendjazz-Orchester Für die Stadt überbrachte Bürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick die Grüße der OB.
Sie lobte den Jazzclub, der für das Programm an diesem und am zweiten Festivalwochenende (6. bis 8. Juni) verantwortlich zeichnet.
Werner Mayer, Chef des Jazzclubs, dankte dem Gemeinderat für die „weise Entscheidung", das Festival an die Alb zu holen.
„Wir stehen seit 2001 auf der Warteliste beim Land.“
Er erwähnte die Sponsoren, ohne die das Ereignis nicht zu bewerkstelligen sei.
Heute geht es im Freien weiter: mit Jazz aus der Musikschule, einem Auftritt des Landesjugend-Jazzorchesters und einem Konzert von „Chameleon“.
Der Eintritt ist frei

 

BNN 05.05.2008
Nach oben war noch Luft
Text von Heinz Klusch

Als Jimmy Cobb am 2. März 1959 als Schlagzeuger in der Band von Miles Davis „Kind of blue“ einspielte - das Album sollte einer der Meilensteine des Jazz werden und ist bis heute die bestverkaufte Jazzplatte - war Bernhard Pichl noch nicht auf der Welt. 
Am Freitag traten Pichl, Jahrgang 1966, und Cobb zusammen mit dem Bassisten Rudi Engel im Ettlinger „Birdland 59“ auf. 
Eine Jazzlegende und zwei „junge“ Musiker mit einem guten Namen in der nationalen Szene - das sind Voraussetzungen für ein inspiriertes Konzert. 
Aber die Vorgabe wurde denn doch nicht ganz erreicht. Jedenfalls waren die Zuhörer im nicht ganz vollbesetzten Keller gespannt darauf, in welcher Form sich Jimmy Cobb, mittlerweile vitale 79 Jahre alt, präsentieren werde. 
Der erste Eindruck, bei „I'm getting sentimental over you“, war verblüffend. Einerseits saß Cobb relativ ungerührt und maulfaul hinter seinem bemerkenswert kleinen Schlagzeugset, vermied jede überflüssige Bewegung; beim ersten Höreindruck schien es sogar, als ob er gelegentlich die Tempi etwas verschleife. 
Aber dann passte es doch irgendwie prima zusammen, zumal er mit seiner Technik und Routine in der Lage ist, ohne große Absprache bei jedem Titel einzusteigen. 
Man kann es „optimalen Wirkungsgrad“ nennen: Mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel herausholen. 
Dafür strengten sich Bernhard Pichl, der sein Debüt am neuen Jazzclub-Flügel hörbar genoss, und Rudi Engel, der seine Extraklasse am Bass in Ettlingen schon bewiesen hat, besonders an. 
Dass es dennoch nicht ein ganz großer Abend wurde, hatte zwei Gründe. 
Zum einen bietet die Besetzung Klavier-Bass-Schlagzeug nur eingeschränkte Variationsmöglichkeiten. 
Zum anderen bewegten sich die meisten Titel im Bereich des swingenden Mainstreams, immerhin mit einigen Überraschungen wie der selten gespielten Ellington-Nummer „Searchin'". 
So wurden die Themen häufig gleichförmig und immer sehr gefällig entwickelt; Cobb, der ja vom kraftvolleren Bebop herkommt, wirkte da sogar unterfordert. 
So richtig schön wurde es folgerichtig immer dann, wenn es das Trio so richtig krachen ließ. 
Etwa bei dem energisch vorgetragenen Blues „Prince of the Chamber“ von Paul Chambers, der übrigens damals bei Miles Davis Bass spielte. 
Hier trumpften alle drei Musiker auf - und das steigerte sich noch bei einem ausgedehnten Duell zwischen Bass und Schlagzeug: Sicher einer der besten Titel eines Konzerts auf hohem Niveau - und ein Verweis darauf, dass nach „oben“ noch Luft war.

hgk

 

BNN 03.03.2008
Landesjazz-Festival 2008 in Ettlingen

Vom 30.Mai bis zum 8.Juni ist Ettlingen unter dem Motto „Drums 'n' Sax meets Ettlingen“ Gastgeber für das Landesjazz-Festival. Knapp 20 Konzerte und Aktionen für die Jazzfans sind im Angebot.
Der Auftakt am letzten Freitag und Samstag im Mai findet – parallel zu „Alb in Flammen“ - open air auf dem Marktplatz statt, unter anderem mit Peter Götzmans JazzhopRhythm, Formationen der Musikschule, den Multi-Kulti-Jazzern von „Chameleon“ und dem Landesjugendjazzorchester. Beim zweiten Teil sind dann der Schlossplatz und die Schlossgartenhalle fest in der Hand der Jazzer: Während draußen die „Jubilee Jumpers“ spielen und tanzen treten in der Halle hochkarätige Interpreten auf.
Info: www.birdland59.de
Heinz Klusch

 

BNN
Don Menza im Birdland
Text von Heinz Klusch

Kenner der Fußballshow „Doppelpass“ im DSF wissen Bescheid: Da sitzt ein Musiker am Flügel und greift dann in die Tasten, wenn das Phrasenschwein gefüttert wird. Seit zehn Jahren beschert dieser Job dem Pianisten Walter Lang ein regelmäßiges Zubrot. Am Freitag im „Birdland59“ ging aber Lang seiner eigentlichen Profession nach und – das ist keine Phrase – war rundum glücklich: „Tolle Atmosphäre und es ist eine wahre Freude, einen Musiker wie Don Menza zu begleiten.“
Das kann man nach diesem Konzert nachvollziehen. Denn der Tenorsaxophonist Don Menza ist trotz seiner 72 Jahre immer noch fit wie ein Turnschuh. Den kraftvollen Ton und die expressiven Läufe macht ihm so schnell keiner nach. Und in den langen Jahren, in denen er in diversen Bigbands und kleineren Formationen mit allen Großen des Jazz zusammengespielt hat, hat er sich ein Repertoire erworben, das jederzeit abrufbar ist.
So gab es nicht nur hervorragenden Jazz zu hören, sondern zwischen den einzelnen Nummern auch viel zu lachen, wenn Menza mit dem Trio diskutierte, was man denn nun als nächstes spielen könnte.
Ganz nebenbei gab es auch noch ein bisschen Nachhilfe in Jazzhistorie. Denn Menza liebt es, in seine Interpretationen von Jazzstandards immer wieder Zitate anderer Titel oder Genres einzubauen. Etwa gleich beim furiosen Auftakt: Es begann mit dem bewährten „Sweet Georgia Brown“ und endete in der Miles Davis-Komposition „Dig“, die er über einige der Harmonien des Oldies geschrieben hat. Anderes Beispiel: Bei einer ellenlangen Adaption des Swing-Klassikers „Stomping at the Savoy“ lieferten die Musiker sich ein augenzwinkerndes Duell nach dem anderen, harmonisch manchmal wundervoll schräg, aber artistisch auf höchstem Niveau.
Bei einem derart spontanen und souveränen Vordenker muss man als Begleitband hellwach sein. Aber da hatte das Trio des Schlagzeugers Harald Rüschenbaum mit dem gutaufgelegten Walter Lang am Flügel überhaupt kein Problem. Da fiel es dann überhaupt nicht auf, dass der ursprünglich angekündigte Bassist Henning Sieverts passen musste. Ihn ersetzte Thomas Stabenow – aber was heißt da Ersatz: Der Stuttgarter Musiker hat schließlich bereits 1986 den Jazzpreis im Ländle bekommen und bestätigte im „Birdland“ nachhaltig den Ruf, zu den besten Bassisten der nationalen Szene zu gehören.
So waren denn alle glücklich: Das Publikum fühlte sich blendend unterhalten, weil die gute Laune auf der Bühne sofort übersprang. Und Jazzclub-Vorstand Werner Mayer freute sich, dass das 400. Konzert seit der Gründung 1994 Jazz auf allerhöchstem Niveau bot.

hgk

 

BNN 29.02.2008
In der Stadt soll es mächtig jazzen
Landesjazzfestival Baden Württemberg ist vom 30.Mai bis 8. Juni in Ettlingen
Text von Heinz Klusch

Ein Einkaufswagen voller Instrumente, dazu der sanft-provokative Slogan „Statt Schnulze – Stadt Ettlingen“ – mit dem von der Agentur „Sleepless“ entworfenen Plakat wird ab sofort für ein kulturelles Großereignis geworben: Vom 30.Mai bis zum 8.Juni ist Ettlingen Gastgeber für das Landesjazzfestival, das in diesem Jahr zum 22. Mal stattfindet. Bei einer Pressekonferenz im Jazzkeller „Birdland 59“ erläuterten Oberbürgermeisterin Gabriele Büssemaker und die verantwortlichen Planer gestern Einzelheiten des Projekts, das an zwei langen Wochenenden die ganze Stadt buchstäblich zum Swingen bringen wird.

Bei ihrer ersten Pressekonferenz „in diesem wunderschönen Keller“ war Büssemaker sehr angetan von der Tatsache, dass der Ettlinger Jazzclub zusammen mit dem Kulturamt vom zuständigen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit der Durchführung des Festivals beauftragt wurde: „In der Stadt wird es mächtig jazzen.“
Dadurch werde nicht nur das kulturelle Profil der Stadt geschärft, sondern auch ein wertvoller Beitrag zum Stadtmarketing geliefert: „Hier sind nicht nur die lokalen Kulturträger wie die Jugendmusikschule oder der Jazzchor mit eingebunden, sondern auch andere Projekte wie etwa ‚Alb in Flammen’.“ Diese Einschätzung unterstrich Kulturdezernent Robert Determann: „Der Jazz lebt bereits in der Stadt im Jazzclub, nun wollen wir ihn in seiner ganzen Vielfalt einem breiten Publikum erschließen.“
Werner Meyer, der Vorsitzende des Jazzclubs, bedankte sich ausdrücklich für die städtische Unterstützung: „Voraussetzung für die Fördermittel des Ministeriums war es, dass die Stadt Zuschüsse in gleicher Höhe zusichert. Das war überhaupt kein Problem.“ Dennoch ist auch noch die Unterstützung von Sponsoren erforderlich, um das Mammutprogramm zu stemmen: Insgesamt sind knapp zwanzig Konzerte und Aktionen für die Jazzfans im Angebot.

Der Auftakt am letzten Freitag und Samstag im Mai findet – parallel zu „Alb in Flammen“ - open air auf dem Marktplatz statt, unter anderem mit Peter Götzmans JazzhopRhythm, Formationen der Musikschule, den Multi-Kulti-Jazzern von „Chameleon“ und dem Landesjugendjazzorchester.
Beim zweiten Teil sind dann der Schlossplatz und die Schlossgartenhalle fest in der Hand der Jazzer: Während draußen die „Jubilee Jumpers“ spielen und tanzen – am Sonntag präsentiert Peter Lehel mit seinem „Hoppel Hoppel Rhythm Club“ ein Mitmachprogramm für Kinder – treten in der Halle hochkarätige Interpreten auf: Von den Saxophonisten Harry Allen und Scott Hamilton über die Ausnahmepianistin Anke Helfrich bis zur Bobby Burgess Bigband mit dem Solisten Dizzy Krisch am Vibraphon: Werner Mayer und sein Programmchef Dietrich Sanft haben hier buchstäblich die Rosinen aus vielen Clubauftritten herausgepickt.
Während die Events draußen – dazu gehört auch noch der Auftritt einer echten Marching Band in den Straßen Ettlingens – natürlich kostenlos sind, kann man ab sofort Karten für die Auftritte in der Schlossgartenhalle erwerben. Genauere Informationen über alle Veranstaltungen liefert ein Flyer, der sich inzwischen auch auf der Homepage des Jazzclubs anklicken lässt: www.birdland59.de

Heinz Klusch

 

BNN 16.01.2008
Das reißt einen mit
Lehel Quartett und Wolfgang Meyer begeisterten im Birdland

Für einen Interpreten klassischer Werke ist es normalerweise ein Unding, dass zwischen den Sätzen oder gar mitten im Stück geklatscht wird. Insofern erlebte Wolfgang Meyer - weltweit gerühmter Virtuose auf der Klarinette - im "Birdland 59" eine Premiere. Bei seinem ersten Auftritt in einem Jazz-club zusammen mit dem Peter Lehel Quartett gab es für seine Soli Beifall auf offener Szene. Und er genoss das sichtlich: "Die Stimmung hier ist großartig, das reißt einen wirklich mit".

"Boleros" heißt das gemeinsame Projekt von Peter Lehel und Wolfgang Meyer, das an diesem denkwürdigen Abend in Auszügen live präsentiert wurde. Gemeint sind damit die Liebeslieder des Latin Jazz von Paquito d'Rivera oder Pedro Flores, durch die Arrangements von Peter Lehel butterweich auf Klarinette und Saxofon als Führungsinstrumente abgestimmt waren. Bei Balladen wie "Obsesiòn" oder beim zupackenderen "Linda Chicana" wechselten sich die Solisten in der Melodieführung ab. Und nebenbei widerlegte Wolfgang Meyer die bescheidene Selbsteinschätzung, er sei "absolut kein Jazzmusiker". Nicht alle Töne, die er auf seiner Klarinette spielte, standen so in Lehels Arrangements; da war immer auch ein Quäntchen Improvisation dabei. Rings um die Boleros lieferte Lehel mit seinem eingespielten Quartett (Uli Möck; Klavier; Mini Schulz, Bass; Dieter Schumacher Schlagzeug und dem Perkus-sionisten Markus Faller als Gast) noch eine kräftige Ration funkigen Mainstreamjazz. Die solistischen Qualitäten der Musiker muss man an dieser Stelle nicht mehr preisen, den die haben sie in Ettlingen schon oft bewiesen. Aber es ist immer wieder erstaunlich, wie gezielt Lehel die Stücke auswählt, die genau zu seinem kraftvollen Saxofonspiel wie auch zu den musikalischen Intentionen seiner Kollegen passen. 

Das begann mit einer kraftvollen Interpretation von Michael Breckers "Midnight voyage"- in die gleiche rhythmische Schublade gehört auch Lehels "Husarenritt", der auf einem ungarischen Volkslied basiert. Beim furios gespielten "Thieves In The Temple" bewies die Truppe, dass man auch einen Pop-Titel von Prince jazzig zum Leuchten bringen kann. So erlebte der Ettlinger Jazzclub im völlig ausgebuchten "Birdland" einen sensationellen Start ins neue Jahr. Die Tatsache, dass sehr viele Fans heimgeschickt werden mussten, hat den Club-vorsitzenden Werner Mayer natürlich auch betrübt. So will man in Zukunft versuchen, solche Konzerte als Doppelveranstaltung an zwei Tagen durchzuführen. Für alle, die diesen tollen Auftritt verpasst haben, noch zwei Hinweise: Am 15. Februar, 18.30 Uhr gibt das Peter Lehel Quartett mit Wolfgang Meyer ein Benefizkonzert in der Karlsruher Christuskirche zugunsten der neuen Orgel. Und dann kann man auch noch auf die CD "Boleros" zugreifen. 

hgk

 

2007

 BNN 10.12.2007

Furiose Auftritte
Benefizkonzert von Musikschule und Birdland 59

Dass das "Birdland 59" mittlerweile bei der Jugendmusikschule im Keller ein festes Domizil gefunden hat, ist den Jazzfans in der Region längst bekannt. Inzwischen ist es auch zur Tradition geworden, dass die beiden Partner einmal im Jahr zu einem guten Zweck zusammenfinden. 
So gab es eine erneute Auflage des Benefizkonzerts im Casino am Dickhäuterplatz, das ausschließlich von Musikern aus dem Umfeld der Jugendmusikschule bestritten wurde.
Welch gewaltiges Potenzial sich in einer musikalischen Ausbildungsstätte entfalten kann, wurde sofort deutlich: Die "Big Band 2" hatte einen furiosen Auftritt.
Im Gespräch mit Rolf Hille, dem dynamischen Bandleader und Musikpädagogen, klingt an, mit welchen Problemen er zu kämpfen hat: "Es ist halt bei einer Jugendmusikschule so, dass die Spieler abhanden kommen, wenn sie die schulische Laufbahn abgeschlossen haben und irgendwo studieren."
Daher löste sich die erste Big Band auf und Hille begann mit einer Posaunen-Big-Band erneut, die übrigens zum Konzertabschluss nachhaltig bewies, dass man mit 16 Posaunen - nebst Rhythmusgruppe und der famosen Vokalistin Luisa Weißbrech - sehr wohl swingenden Big-Band-Jazz bieten kann. 
Während seiner Probenarbeit mit den Posaunen, so erzählt Hille schmunzelnd, "kamen immer mehr Saxofonspieler, die mitmachen wollten, dann folgten Trompeter und so hatte ich auf einmal eine neue Big Band mit über 30 Aktiven zwischen zwölf und 18 Jahren." 
Es ist nachvollziehbar, dass Hille beim Durchschnittsalter seiner Band mehr Wert auf den kompakten Sound der Bläsersätze legte. 
Aber dann bewiesen Till Dörnhofer (Gitarre) und Nico Mezger (Trompete) beim unverwüstlichen "Watermelon Man" von Herbie Hancock, dass hier auch solistische Talente heranreifen. 

Zwischen den beiden Big-Band-Auftritten bewiesen zwei kleine Formationen, welche Fortschritte der einstige Nachwuchs gemacht hat. 
Das Quintett "Playjazz" um den Gitarristen Bernd Hinse bestätigte mit seinen Titeln, die sich am Jazz-Mainstream der 50er und 60er Jahre orientierten - darunter ein spannendes Wiederhören mit dem Klassiker "Take five" - dass Alter nicht vor Fortschritt schützt: Einige der Musiker hatten sich an der Ettlinger Schule weitergebildet und werden dort auch weiterhin betreut. 
Und dann widerlegte das Quintett "Jazzable" schon mit dem ersten Titel "Birdland" eindrucksvoll die flapsige Bemerkung von Sängerin Susi Herzberger, die seit der ersten Klasse Schülerin an der Musikschule gewesen war: "Wir können Jazz, machen es aber nicht immer." 

Das recht kopfstarke Auditorium, darunter natürlich viel familiärer Anhang der Musiker, genoss diesen Ausflug in die Vielfalt des Jazz und konsumierte auch reichlich. So hatte vor allem Robert Determann Grund zur Freude. 
Da die Musiker auf Gagen verzichteten, floss der Reinerlös an die "Bürgerstiftung Ettlingen", die er als Geschäftsführer verantwortet und die in der Vergangenheit zahlreiche soziale und kulturelle Projekte förderte. 
Aus den Händen von "Birdland"-Präsident Werner Mayer nahm er so einen Spendenscheck in Höhe von 1200 Euro entgegen. hgk

 

BNN 19.11.2007
Erweitertes "Trio" überzeugte nicht immer

Als Christian Scheuber vor zwei Jahren im Ettlinger Jazzclub mit einem Trio spielen wollte, fiel der Bassist kurzfristig aus - das verbliebene Duo sorgte dennoch für einen spannenden Abend. Am vergangenen Freitag war es genau umgekehrt. 
Denn das "Trio Extreme" - neben Scheuber noch die Pianistin Regina Litvinova und Wolfram Syfus am Bass - hatte gleich zwei weitere Gäste mitgebracht, neben dem Vibrafonisten Claus Kießelbach stieg auch noch überraschend Rainer Pusch mit seinem Saxofon ein. 
Indes, der solistische Zuwachs steigerte die Qualität der Musik nur bedingt: Der Auftritt des Quintetts überzeugte nur phasenweise. Dabei fing alles sehr gut an: Als ersten Titel präsentierte die Truppe mit "No Sale For Love" ein Arrangement des Schlagzeugers, das dem Standard "Love For Sale" völlig neue Klangfarben eröffnete: Quasi im Baukastenprinzip wurden die bekannten Harmonien angespielt und wieder neu zusammengesetzt. 
Schnell wurde hörbar, dass die beiden Gäste nicht so ohne weiteres in das Konzept des eingespielten Trios integriert werden konnten. Der swingend-harmonische Wohlklang des Vibrafons der technisch überragenden Pianistin Regina Litvinova passte eben nicht immer zum kräftig zupackenden Saxofon. 
Als kleinsten gemeinsamen Nenner einigten sich die dann auf eine zumeist schnelle, lautstarke Mischung aus Funk und Jazzrock, versetzt mit Kabinettstückchen, etwa immer wieder eingebaute Wechsel im Tempo - technisch virtuos, aber auch nicht immer nachvollziehbar. Immerhin, kurz vor elf gab es dann noch eine wunderschöne Ballade zu hören, die bewies, dass die Musiker neben technischer Brillanz auch ein Händchen für große Emotionen haben. hgk

 

BNN 23.10.2007
"Bei der Arbeit, will ich richtig angezogen sein"
Der Saxofonist Scott Hamilton brillierte im Birdland 59 mit dem Trio des Pianisten Polziehn

Zugegeben: Was ein Jazzmusiker auf der Bühne trägt, taugt als Kriterium für eine Konzertkritik nicht besonders viel. Aber bei dem Saxofonisten Scott Hamilton, der am Freitag im vollbesetzten "Birdland 59" zusammen mit dem Trio des Pianisten Olaf Polziehn auftrat, muss man die Frage schon stellen. Denn bereits bei seinem letzten Auftritt vor zwei Jahren bestach Hamilton nicht nur durch sein brillantes Spiel, sondern auch durch seinen Kleidergeschmack. Er versteht die Frage in der Pause überhaupt nicht: "Ich habe das so zusammengesucht, weil mir am Ende einer Tournee immer die sauberen Klamotten ausgehen. Und außerdem: Wenn ich zur Arbeit gehe, will ich auch richtig angezogen sein." Aber genau das macht die Qualität des Ausnahmemusikers Scott Hamilton aus: Sein Auftritt als Gentleman der alten Schule korrespondiert direkt mit seiner musikalischen Grundüberzeugung. Er ist eben den "alten" Saxophonspielern wie Coleman Hawkins und Ben Webster verpflichtet, er swingt und bevorzugt den warmen Balladenton. Und dadurch gab es vor allem für die vielen jungen Jazzfans im Club eine Geschichtsstunde. John Coltrane, an dem sich alle jungen Musiker orientieren, ist nicht das Maß aller Dinge, sondern es gab auch zuvor hervorragende Saxophonisten. Wobei man aber melancholisch einräumen muss, dass Hamilton wohl einer der letzten ist, der dieses Erbe hochhält. Einer der vielen anwesenden Musiker im Club brachte es auf den Punkt: "So entspannt und gut spielen können nur die alten Hasen." Nun birgt die instrumentale Brillanz und der volle gepflegte Klang - Hamiltons Interpretationen von Standards wie "April in Paris" oder "Skywalk" machten das Konzert zum Höhepunkt in der Saison des Clubs - eine Gefahr: Man schwelgt nur im Wohlklang. Es spricht für die Spontanietät und die musikalische Extraklasse von Hamilton, dass er dies erkannte. Aber seinen unvermittelten Wechsel von der Ballade "In A Sentimental Mood", bei der den Zuhörern das Herz aufgehen musste, zum krachenden "Main Stam", mit dem die Band von Duke Ellington einst die Zuhörer aufheizte - das muss man sich erst einmal zutrauen. Seinen begleitenden Musikern erst recht. Das Trio - neben Olaf Polziehn noch Ingmar Heller (Bass) und Paul Hochstädter (Schlagzeug) - war da gefordert, bestand aber die Prüfung mit Bravour. Vor allem Polziehn steuerte zu den spontan vorgegebenen Themen ein inspiriertes Solo nach dem anderen bei und bewies, dass er in der nationalen Szene in der Spitze angekommen ist - nimmt man den Mainstream als Maßstab. hgk

 

BNN 17.10.2007
Balladen mit beseelt-lyrischem Klang
Statt zu fünft spielte Trompeter Jens Winter mit einem Quartett im Birdland-Keller

Manchmal kommt es bei einem Konzert ganz anders, als es sich die Programmmacher gedacht haben - und es wird trotzdem alles gut. So auch am Freitag im "Birdland 59": Angesagt war eigentlich dass "European Quintett" von Jens Winther, dessen aktuelle CD "Concorde" in der Fachpresse geradezu hymnische Kritiken erhielt.
Das verwundert nicht, denn zum einen hat sich der dänische Trompeter seit 25 Jahren in Zusammenarbeit mit allen Großen der Jazzszene den Ruf erspielt, zu den Spitzeninterpreten auf seinem Instrument zu gehören - zumindest was den auf dem Bebop der 60er Jahre basierenden Mainstream betrifft. Zum anderen versammelt sein Quintett so ziemlich das Beste, was in Europa zu haben ist.
Aber es kam - wie erwähnt - ganz anders. Pianist Antonio Farao war anderweitig im Einsatz, Tomas Frank (Saxofon) erkrankte kurzfristig und konnte nicht mehr ersetzt werden. So präsentierte Jens Winther im Ettlinger Jazzclub ein Quartett, das in dieser Besetzung wohl noch nie zusammen spielte. Am Flügel saß sein Sohn Carl - für den ansonsten eher im Funkjazz agierenden Sprössling im übrigen der erste Auftritt in dieser Formation - und am Bass stellte sich der junge Jonas Westergaard vor. Lediglich Dejan Tercic am Schlagzeug, in Ettlingen durch seine Projekte mit Anke Helfrich und anderen ohnehin kein Unbekannter, war also vom Stamm übriggeblieben.
Beim ersten Titel, dem Standard "Alone together", merkte man schon ein wenig, dass sich die vier Musiker erst finden mussten. Vielleicht lag dies auch daran, dass die Anreise aus Kopenhagen mit der Bahn durch den Lokführerstreik etwas zur Schnitzeljagd geraten war.
Aber dann kamen die Nummern von "Concorde". Und schon bei der knapp halbstündigen Interpretation des Titelstücks überzeugte das Quartett nicht nur durch sein Zusammenspiel, auch solistisch gab es viel für die Ohren im gut besuchten Keller. Etwa die stark rhythmisch grundierten Soli des Bassisten, dessen unorthodoxe Spielweise die Vermutung nahelegt, dass sich hier ein Jazzbegeisterter autodidaktisch die Grundlagen erarbeitet hat. Aber das muss ja nicht schlecht sein - kommunikativ war er mit den Kollegen stets auf einer Höhe.
Das gilt auch für Carl Winther am Klavier, der seine Soli immer kontrapunktisch zu den Themen seines Vaters begann, um sie dann in alle Richtungen hin harmonisch zu erweitern. Sehr zur Freude von Drummer Dejan Tercic, der bei den sehr unterschiedlich angelegten Themen alle Register seines Schlagwerks ziehen konnte. Und schließlich gab es ja noch den Bandleader. Dass Jens Winther gelegentlich in den hohen Lagen einige Schwierigkeiten hatte, sei der Tagesform geschuldet. Aber besonders bei Balladen wie "Supreme Love", eine Hommage an Coltranes "Love Supreme" oder "Honestry", war sein beseelt-lyrischer Klang eine wahre Labsal, was ihn aber nicht an recht expressiven Ausflügen in die temporeicheren Gefilde hinderte. hgk

 

BNN 25.09.2007
Händchen für den Blues
Stuttgarter „New Orleans Society" im Ettlinger Birdland-Keller

Ganz gleich, ob aktiver Musiker oder passiv genießender Fan - jeder hat wohl beim Oldtime-Jazz angefangen. Die einen bleiben dabei, die anderen entwickeln sich weiter und sind dann auch davon überzeugt, dass New Orleans und Dixieland kein „richtiger" Jazz mehr sei: Die Stücke sind in der Struktur alle ähnlich, die Harmonien festgezurrt und je nach Qualität der Truppe tendiert der Improvisationsanteil gegen Null. So ergibt sich ein seltsames Missverhältnis. Die Zuhörer wippen begeistert mit, denn sie kennen alle Stücke. Die Wirte freuen sich ohnehin, weil Dixieland den Ge-tränkeumsatz steigert. Und die Kritiker runzeln zusammen mit den anderen Musikern die Stirn.
So kann der freitägliche Auftritt der Stuttgarter „New Orleans Society" im Ettlinger „Birdland 59"-Keller auch nicht mit den Maßstäben gemessen werden, die man gemeinhin an ein Jazzkonzert anlegt. Natürlich kannte man (fast) alle Stücke wie etwa das unverwüstliche „Hard hearted Hannah" oder „Chi-natown", wobei das Septett um den Kornettisten Andy Lawrence immerhin auch einige nicht oft gespielte Preziosen wie „Hindustan" oder das leicht anzügliche „Ace in the hole" beisteuerte.
Weil von den Titeln und den Arrangements her keinerlei Überraschungen drohten und weil das Septett auch auf alle genreüblichen Gags verzichtete - man spielte historisch korrekt im Sitzen - konnte man sich entspannt darauf konzentrieren, was die Musiker instrumental im Angebot hatten. Und das war sehr reichhaltig. Die drei Frontmänner, neben Andy Lawrence, der auch als Sänger angenehm auffiel, noch Jochen Hähner (Posaune) und der technisch hervorragende Manfred Bäuerle (Klarinette), harmonierten prächtig. Die süddeutsche Oldtime-Legende Klaus Bader, eigentlich Saxophonist, ließ auch am Klavier keinen Zweifel, dass er sowohl das Händchen für bluesige Balladen hat, aber auch bei den obligaten Marschnummern kraftvoll zupacken kann. Und Schlagzeuger Alexander Sterzel trieb zusammen mit Billy Bühler, dessen Sousaphon schon optisch ein Ereignis war, das ganze unermüdlich an.
Bleibt noch ein Musiker übrig, vor dem es sich zu verneigen gilt: Jürgen Kulus bestätigte mit seinem Banjo einmal mehr den Ruf, innerhalb der Oldtime-Szene zur absoluten Spitzenklasse zu zählen. Bei seinem Solo „Play fiddle play" - „Das ist eigentlich eine Geigennummer, aber ich habe sie von der Platte geklaut und fürs Banjo adaptiert" - war es mucksmäuschenstill im voll besetzten Keller. Dafür herrschte anschließend lautstarke Begeisterung, als Kulus im Trio zu einem schwindelerregenden Parforceritt durch den wohlbekannten „Tiger Rag" ansetzte. (Heinz Klusch)

 

BNN 14.09.2007
Klarinette und Mundharmonika als "Labsal"
Das Lorenzo Petrocca Quartett begeisterte zum Saisonauftakt im Ettlinger Jazz-Club Birdland 59 / Überraschungsgast

Bei der Besetzung Gitarre, Klarinette und Rhythmusgruppe klingeln den Swingfans natürlich die Ohren. Denn mit dieser kleinen Formation gelang Benny Goodman in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Durchbruch - und zugleich der Nach-weis, dass swingender Jazz keinesfalls eine reine Big-Band-Angelegenheit sein muss. Am vergangenen Freitag kam der Gitarrist Lorenzo Petrocca mit seinem Quartett ins „Birdland" und recht schnell wurde hörbar, dass die Goodman-Tradition für ihn keine Bürde ist, sondern eine Steilvorlage für entspannt swingende Musik. Für den Ettlinger Jazzclub bei vollem Haus zudem ein guter Start in die neue Saison. Um den musikalischen Gehalt des Abends zu beschreiben, genügt es eigentlich auf den mittleren von insgesamt drei Sets zu blicken. Da hatte Thilo Wagner am Flügel längst Betriebstemperatur erreicht und lieferte sich mit Lorenzo Petroccas Gitarre beim unverwüstlichen „Straight up the band" einen Wettkampf um die schönsten Harmonien, der nur unentschieden ausgehen konnte - aber auf höchstem Niveau. Den treibenden Rhythmus steuerten Jens Loh (Bass) und der Drummer Gregor Beck bei. Bei der Petrocca-Komposition „Eight bars of beauty" stellte die Truppe ihre Balladen-Tauglichkeit nachhaltig unter Beweis und dann stieg beim Standard „Avalon" Charlie Höllering mit seiner Klarinette ein. Welch eine Labsal für die Ohren und fast schon eine Rarität: Irgendwie scheint die Klarinette nur noch bei Oldtime-Musikern hoch im Kurs zu stehen. Dann präsentierte Lorenzo Petrocca mit seinem Landsmann Giuseppe Milici noch einen Überraschungsgast. Die Ansage, es handle sich um einen der besten Mundharmonikaspieler Europas ist gar nicht so übertrieben. Denn wer - außer dem Belgier Toots" Thielemans - ist noch in der Lage, dieses völlig zu Unrecht als Kinderspielzeug abgewertete chromatische Instrument so schön swingend einzusetzen. Der unerwartete Einstieg Milicis in die eingespielte Formation ergab köstliche Momente auf der Bühne, wenn sich der Schwabe Höllering und der Italiener mit Fingern und Gesten blitzschnell darüber verständigten, ob und wie oft sie das Thema von Ellingtons „Take The A-Train" spielen sollten. Es klappte hervorragend und bestätigte das, was wir schon immer wussten: Mit der Globalisierung haben die Jazzer wohl die geringsten Probleme. Alles addierte sich zu einem stimmungsvollen Konzert, bei dem das Publikum auch begeistert mitging. Nur beim Schlagzeuger Gregor Beck schieden sich die Geister: Seine stupende Technik und sein Gefühl für den Swing stehen außer Frage - aber in Bühnennähe war er, was die Lautstärke betrifft, zu dominant, so zumindest die Rückmeldung aus den vorderen Reihen. Aber das lässt sich beim nächsten Auftritt im „Birdland" mit einem sorgfältigen Soundcheck sicher regeln. (Heinz Klusch)

 

BNN 03.07.07
Latin- und Funk-Akzente im Birdland
Big Band der Universität Karlsruhe gastierte im ettlinger Jazzkeller / Volles Haus

Gegründet wurde die Uni Big Band in Karlsruhe 1987 als Anhängsel des Collegium Musicum Sinfonieorchesters. Unter der engagierten Leitung von Günter Hellstern etablierte sich die Band zu einem wichtigen Kulturträger in Karlsruhe, und sie qualifizierte sich unter anderem mehrfach zur Teilname beim Jazzfestival in Montreux. Sie trat oft überregional erfolgreich auf, unter anderem in Tübingen, Straßburg, Zürich, Bremen, Lausanne, Montreux und Paris.
Mit Improvisationen über den bekannten Titel „Summertime“ wurde das Konzert schwungvoll eingeleitet, wonach der fetzige „Curly Blues“ im Stile von Charles Mingus mit den gut eingespielten Posaunensolisten Uli Kölmel und [...] folgte.
Überzeugend präsentierte sich der Saxofonist David Bermbach bei seinem selbst komponierten Stück „Beauty of ancient times“. Fantasievoll waren seine Improvisationen, und seine Eigenschöpfung kam beim Publikum sehr gut an. Hervorragend improvisierte der Solist Ronny Kistner, sowohl mit dem Flügelhorn bei der stimmungsvollen Ballade „Autumn Bugle“, als auch mit der Trompete bei der fetzigen Nummer „If the Shew fits“. Eindrucksvoll waren die langen und virtuosen Soli des Sopran-Saxofonisten Yungshi Sun zusammen mit dem Schlagzeuger Hendrik Franke bei dem Stück „Latin Import“. In humorvoller Weise arrangiert erklang die Melodie „Flying to the Moon“ mit dem deutschen Text „Schieß mich auf den Mond“, mit Begeisterung vorgetragen von der Sängerin Marianne Martin. Einfühlsam interpretierte sie danach mit ihrer in allen Lagen schön klingenden Stimme den Love-Song „How sweet is“. Der Song „Palm Island“ wurde gemeinsam vom Bandleader Günter Hellstern und von Marianne Martin verfasst, wobei er die Musik komponierte und sie den text dichtete.
Mit viel Temperament bot die Sängerin den kompositorisch durchaus gelungenen Song dar, und das Publikum applaudierte lang anhaltend. In portugiesischer Sprache sang sie danach einfühlsam den flotten Samba „Fio Eléctrico“ nach der Musik des Bandleaders Hellstern. Mit dem beswingten Titel „Soul Vaccinatinon“ klang das überaus niveauvolle Jazzkonzert aus, und die begeisterten Zuhörer erklatschten sich als Zugabe den Song „Mr. Zoot Suit“. 

LA

 

BNN 07.05.07
Ein denkwürdiges Konzert
Beat Kaestli Quartett im Birdland-Keller

Mit Beat Kaestli trat nun ein Vertreter dieser seltenen Spezies am Freitag im „Bird-land 59" auf und durfte gleich erleben, dass Undank des Sängers Lohn ist: Das sonst so neugierige und fachkundige Ettlinger Publikum hielt sich sehr zurück - in diesem Jahr war dies wohl das am schlechtesten besuchte Konzert. Der sympathische Schweizer mit der Wahlheimat New York und seine Musiker (Jan Eschke, Klavier; Sven Faller, Bass und Martin Kolb am Schlagzeug) ließen sich davon nicht irritieren: „Das ist wohl eher ein Problem für all die, die nicht gekommen sind". Und so begann ein ziemlich denkwürdiges Konzert.
Denn anstatt sich mit Lust in die gut ge¬füllte Schublade der einschlägigen Standards zu stürzen - das tat Beat Kaestli später dann mit hörbarem Genuss, vor allem bei „Love for sale" oder „Autumn leaves" - begann er mit einer sehr introvertierten, zurückgenommenen und zugleich herzergreifenden Interpretation der Gospel-Nummer „Sometimes I feel like a motherless child." Für Kaestli nicht nur ein Rekurs auf die Zusammenarbeit mit Gospelchören, sondern ein bewusst gesetztes Signal: „Ich möchte deutlich machen, dass ich als Sänger keine Ergänzung der Band bin, dass meine Stimme ein eigenständiges Instrument ist."
Und die nächsten Nummern lieferten die erfreuliche Erkenntnis, dass sich der Sänger der Reichweite seines „Instruments" und seines Könnens sehr wohl bewusst ist. Ganz gleich, ob er eine stimmungsvolle Interpretation von Weills „September song" lieferte, sein eigenes Werk „Corrupted by the blues" in ziemlich eigenwillige Bluesrhythmen überführte oder bei einer Cole-Porter-Nummer den Text in rhythmisch präzise Seat-Improvisationen zerlegte, alles klang immer souverän und stimmlich äußert unangestrengt. Aber man ahnte, welch intensive Beschäftigung mit dem vorgegebenen Material da stattgefunden hat. Das gilt auch - nächste Überraschung - für eine Adaption einer Arie des barocken Henry Purcell, die sich bei Kaestli und seinen Begleitern als ausgesprochen jazzkompatibel erwies.
Dass sich bei allen Stücken das begleitende Trio, allen voran der hervorragende Pianist Jan Eschke, als ausgesprochen kompetente, spielfreudige und musikalisch ideenreiche Einheit erwies, muss eigentlich nicht besonders erwähnt werden. Aber das Ereignis dieses Konzerts war der Sänger Beat Kaestli, der seinem eigenen Anspruch, „Musik muss Emotionen transportieren", voll gerecht wurde.

Heinz Klusch

 

BNN 02.05.07
Lyrik und Romantik einer Saxofonlegende
Tribute-Tournee zum 70. Geburtstag des verstorbenen Stan Getz ging im Ettlinger Jazzkeller Birdland 59 zu Ende

Bis heute beeinflusst sein melodisches Gespür und vor allem sein exquisiter Ton die nachwachsende Musikergeneration, so auch

Johannes Enders und Lutz Hafner. Die beiden Tenoristen hatten zum runden Geburtstag ihres Idols eine "Tribute"-Tournee für Stan Getz organisiert, deren letzter Auftritt im Ettlinger "Birdland 59" war. War es der ungewohnte Samstagstermin oder die Verlockung der Biergärten? Im Jazzkeller gab es doch recht viele freie Plätze, was insofern schade war, weil die beiden Sets des Quintetts von Johannes Enders und Lutz Hafner einen erfrischend und dogmatischen Exkurs in die Jazzgeschichte boten.
Die beste Idee war wohl, gleich zwei Tenorsaxofone an die musikalische Front zu schicken. Denn da konnten die beiden Musiker

nicht nur den legendären Sound des Saxofonsatzes zitieren, mit dem Stan Getz in der Big-Band von Woody Herman Jazzgeschichte schrieb, sondern sich auch bei den Soli sehr schön abwechseln.
So gerieten Interpretationen von Gerry Mulligans "Lion for Lions" - Stan Getz selbst hat relativ wenige Nummern geschrieben, aber ein traumhaft sicheres Händchen für die Auswahl und das Arrangement des Materials - zu den Höhepunkten des Abends. Denn hier glänzten nicht nur die Saxofone, sondern die drei Herren von der Rhythmussektion liefen auch zu großer Form auf: Martin Zenker (Bass) und.

Oliver Kent (Klavier) steuerten nicht nur das Tempo, sondern stiegen auch solistisch immer wieder gekonnt ein. Der Wiener Schlagzeuger Christian Salfellner - kurzfristig für Howard Curtis eingesprungen - bewies, dass er neben einer hervorragenden Technik auch über das wichtigste Talent eines guten Drummers verfügt: Zuhören und auf die Partner eingehen. So bestätigte das Konzert die Einschätzung von Johannes Enders: Stan Getz ist der lyrischste und romantischste Saxofonist, den ich kenne - und natürlich mein großes Vorbild." Dieser Vorlage kamen Enders und Hafner an diesem Abend ziemlich nahe.

Heinz Klusch

 

BNN 05.03.07
Star-Pianistin Anke Helfrich konzertierte im Ettlinger Jazzclub

Andererseits konnte man auch wie immer darauf gespannt sein, was dieses Mal anders war. Und die beiden "neuen" Männer in der Band - Bassist Martin Gjakonovski ist ja ein alter Bekannter in Ettlingen - waren entscheidend daran beteiligt, dass dieses Konzert im "Birdland59" zu einem der Höhepunkte in dieser Saison wurde.
Bei den bisherigen Auftritten des Trios in Ettlingen war der Stamm-Schlagzeuger Dejan Tercic stets durch andere Verpflichtungen verhindert gewesen.
Nun feierte der "ständige Begleiter" Anke Helfrichs seine Ettlinger Premiere und bewies, dass er die drei Talente, die einen guten Schlagzeuger auszeichnen, optimal einsetzen kann: Er beherrscht die leisen Einsätze ebenso wie das furiose, gleichwohl immer rhythmisch präzise Schlagzeugspiel. Und er kann zuhören und blitzschnell auf die Vorgaben reagieren, die von den anderen Musikern kommen.
Der zweite Neuling und zugleich "special guest" war der Trompeter Claus Stötter. Er gastierte zuletzt 1996 in Ettlingen, als der "Birdland"-Keller noch gar nicht existierte. Inzwischen hat sich Stötter - bereits 1990 Jazzpreisträger im Ländle - technisch und stilistisch immer mehr gesteigert.
Vor allem war es erstaunlich, wie er von null auf hundert in die sehr anspruchsvollen Vorlagen einstieg: Beim fetzigen Eröffnungsstück "Movin' in" spielte er sich mit Anke Helfrich geradezu mühelos die harmonischen Bälle zu. Und bewies bei der nachfolgenden Ballade "My Ship", einer Komposition von Kurt Weill, dass er auch lyrischleise Töne in wunderschöne Harmonien überführen kann.
Es spricht nicht gegen die bereits erwähnte Präzision der Rhythmusabteilung, dass ein Duett zwischen Helfrich und Stötter zum absoluten Glanzpunkt des Auftritts wurde: Bei "Ask me now" natürlich von Thelonious Monk, steigerten sich beide zu einer intensiven Improvisation über einem schwierigen Thema - das war großer Jazz pur.

Heinz Klusch

 

BNN 13.02.07
Mitreißende Interpretationen
„Mariettes Motion Club“ trat erstmals im Ettlinger Jazzclub Birdland 59 auf

Immerhin hatte man da Zeit und Muße, sich an den Qualitäten der Band zu laben. Marietta Radtke hat Gesang studiert – unter anderem bei Sheila Jordan und Bennie Gilette. Das war in jeder Phase hörbar, vor allem dann, wenn sie als drittes „Instrument“ zusammen mit Trompete (Rich Laughlin) und Saxophon (Till Martin) das jeweilige Thema intonierte. Und neben den beiden genannten Frontmännern verfügt das Quintett – allesamt in der Münchner Jazzszene zu Hause – über eine bärenstarke Rhythmusabteilung, die man schon aus anderen Formationen im Ettlinger Club kannte: Bernhard Pichl am Bechstein-Flügel, der Bassist Martin Zenker und vor allem der versierte Schlagzeuger Rick Holländer zogen das Fundament ein, auf dem die Soli dann gedeihen konnten. Da spielten sich Rich Laughlin und Martin Zenker dann die Themen zu, die sie harmonisch sehr spannend auflösten. Natürlich hatten auch die anderen Musiker Gelegenheit, ihre instrumentale Klasse unter Beweis zu stellen. 
Gegen Ende des ersten von drei Sets wurde es dann ja auch zupackender. „Long as you are living“, eine Komposition des Saxophonisten Julian Priester, gab den Startschuss, es folgte eine mitreißende Interpretation des Standards „On green Dolphin Street“, gefolgt von Kurt Weills „In a lonely house“ in Triobesetzung. Und mit dem vokal sehr anspruchsvollen Brasil-Klassiker „Agua de Marco“ bewies Marietta Radtke, dass sie auch dieses Genre stimmlich im Griff hat. So wurde es am Ende doch ein stimmungsvolles Konzert, das im nicht ausverkauften Jazzkeller sehr viel Beifall erhielt. Auch Marietta Radtke war bei ihrem ersten Auftritt in Ettlingen vom Ambiente sehr angetan, vor allem vom Catering. „Die hausgemachte Tomatensuppe, mit der wir empfangen wurden“, so berichtete sie dem Publikum, „war wirklich hervoragend“. 
Heinz Klusch

 

BNN 16.01.07
Wenig mit „Hexerei“ zu tun
Band „Witchcraft“ heizte zum Jahresauftakt im Birdland ein

Den Bandnamen „Witchcraft“ sollte man natürlich nicht wörtlich nehmen. Denn mit „Hexerei“ hat das wenig zu tun, was da musikalisch abläuft. Im Gegenteil: Da haben sich Musikerinnen gefunden, die technisch versiert und eingespielt sind und sich quasi blind verstehen. Diese Qualitäten sind auch erforderlich, wenn man sich stilistisch im Bereich Bebop und Hardbop bewegt. Natürlich sind die Kompositionen von Horace Silver, die einen grossteil des Auftritts ausmachten, ebenso eingängig wie harmonisch begrenzt. Dafür verlangen sie aber viel Tempo, einen präzisen Rhythmus und ein Händchen für die meistens blues-grundierten Themen. Und wenn dann noch ein inspiriertes Saxophon-Solo von Carolyn Breuer dazukommt, ist alles auf das beste gerichtet. 
So gehört dann die Interpretation der Klassiker von Horace Silver wie „Nica´s Dream“ oder „Silver Sadie“ zu den stärksten Momenten des Auftritts, der aber auch sonst einiges zu bieten hatte. Tadd Damerons Bebop-Hymne „Hothouse“ zum Beispiel. Basierend aud der Struktur von Cole Porters „What ist this thing called love“, stellt die Nummer mit den harmonischen Verschiebungen und den vielen Achtelnoten und Triolen für jeden Solisten hohe Ansprüche – kein Problem für Carolyn Breuer und Anke Helfrich, die beide auch noch im Duo über „I spent last night“ improvisierten. 
Bei den schnellen Funk-Nummern sorgten Bass und Schlagzeug für den nötigen Drive, aber auch dann, wenn die Damen das Tempo herausnahmen, blieb es spannend. Etwa bei „Sorry for Larry“, einem Blues, den Anke Helfrich geschrieben hat. Ihr erdiges Klavierspiel unterlegte Lindy Huppertsberg mit fast schon emotionalen Basslinien und Carola Grey verlegte sich auf leise Töne am Schlagzeug. Dafür durfte Sie dann bei „Nica´s Dream ein kräftiges Solo einlegen. 
Zum Höhepunkt beim Auditorium geriet dann natürlich „Moanin“, die Bobby Timmons – Nummer, die Art Blakeys Markenzeichen war und die bestimmt jeder Jazzfan schon einmal in irgendeiner Version gehört hat. Bei diesem ebenso eingängigen wie abgespieleten Thema noch etwas Neues zu finden – das wäre dann wirklich „Hexerei“ gewesen. 
Heinz Klusch

 

2006

BNN 12.12.06

Benefizkonzert mit furiosem Schlusspunkt
Junge Posaunisten trafen im Jazzkeller Birdland 59 den Geschmack des Publikums

Und tatsächlich: In den letzten 15 Monaten hat Hille - der selbst immer wieder solistisch eingriff - aus seiner Posaunenformation eine Big-Band geformt, die besonders durch die sauberen Sätze und die rhythmische Präzision bestach. ,Mehr noch: Da es für so viele Instrumente nicht besonders viele Vorlagen gibt, hat Hille zu den meisten Standards im Programm die Arrangements für Tenor- und Basssaxofone geschrieben. Das begann dann mit Stimmungsmachern wie „T-Bone Party" und dem unverwüstlichen „Nighttrain" und setzte sich mit anspruchsvollen Titeln wie „St. Thomas" von Sonny Rollins und Herbie Hancocks „Maiden Voyage" auf hohem musikalischen Niveau fort. Wobei die junge Luisa Weissbrech aus der Gesangsklasse der Musikschule mit zwei Titeln bewies, dass auch hier mit dem Nachwuchs gerechnet werden kann.
Vor Jahren hatte Rolf Hille schon einmal eine Posaunen-Big-Band an der Musikschule ins Leben gerufen. Einer seiner Schüler war damals Tobias Leppert. Nun bildete Leppert mit seiner Formation „Jazzapple" zusammen mit „Play Jazz" - einem Quintett ehemaliger Musikschüler - quasi das „Vorprogramm für die Big-Band. Reizvoll war dabei der Vergleich, wie sich die beiden kleinen Formationen der Musik annäherten. „Play Jazz" kam eindeutig von der traditionellen Seite: Standards wie „Autumn Leaves" oder „Moanin'" in bewährten Arrangements. Bei Lepperts „Jazzapple" überraschte nicht nur die eigenwillige Besetzung r- Posaune und Gitarre als Führungsinstrumente - sondern auch die Auswahl der Titel. Da wurde dann sogar in der Interpretation von Sängerin Susi Herzberger „Nasty Naughty Boy", der aktuelle Hit von Christina Aguilera jazzkompatibel.
Da alle drei Formationen der Musikschule - die Mitwirkenden können hier natürlich nicht alle namentlich genannt werden - ohne Gage angetreten waren, war am Ende des Benefizkonzertes noch eine Bescherung angesagt.
Nachdem Jazzclub-Chef Werner Mayer gerechnet und (auf)gerundet hatte, konnte er zusammen mit Stefan Moehrke einen Scheck mit l 000 Euro überreichen, den Elisabeth Schick Hüther vom „Sternenzelt" hocherfreut entgegennahm. Mit dem Betrag soll vor allem die Sprachf örderung im Kindergarten unterstützt werden. 
Heinz Klusch

 

BNN 7.11.06
Selstbewusste Eigenkompositionen
Das Martin Auer Quintett bot im Ettlinger Jazzkeller Birdland 59 ein spannendes Konzert

Denn man konnte erleben - leider setzten sich nur wenige Besucher (für die normalen Verhältnisse des Ettlinger Jazzclubs), dieser Herausforderung aus — wie sich eine junge deutsche Formation mit dem alten Jazzerbe herumschlägt. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Da steht unter dem Titel „Exercice Nr. 23" - die Band pflegt ihre Vorlagen durchzunummerieren - eine Ballade an, zu der der Schlagzeuger ohnehin nur diskrete Akzen­te mit dem Besen und dem Hi-Hat hätte bei­steuern können. Konsequent verschafft Band-leader Martin Auer dem Drummer eine Pause -und ermöglicht so dem Publikum einen sehr viel besseren Zugang zu dem, was die Musiker auf der Bühne aus dem vorgegebenen Thema so alles hervorzaubern können.
Dabei spricht es durchaus für das Selbstbewusstsein der Musiker, dass sie den Abend durchweg mit Eigenkompositionen bestritten, die dann so skurrile Bezeichnungen wie „In­tergalaktischer Almdudler" oder „Eisengießerei" trugen. Der letztgenannte Titel war übrigens ein kleines Kabinettstück: der Transfer der industriellen Geräusche auf eine freie Jazzimprovisation.
Zur guten Musik gehört natürlich auch, dass die Bläser (Martin Auer, Trompete) und Florian Trübsbach (Saxophone) sich immer auf die Rhythmusgruppe (Bastian Jütte, Schlagzeug; Andreas Kurz, Kontrabass und den kurzfristig eingesprungenen Rolf Langhans am Flügel) verlassen können. Und das Trio im Hintergrund gab sein Bestes, vor allem bei den vielen Tempoverschiebungen, die die Stücke prägten.
Und da sich die beiden Frontmänner in Bezug auf instrumentale Finessen und improvi­
satorische Freiheiten in nichts nachstanden - vor allem Florian Trübsbach am Saxophon lieferte ein schönes Solo nach dem anderen ab addierte sich das alles zu einem ungemein spannenden Konzert. hgk

 

30.10.06(BNN) Fortsetzung

Beschwingter Jazz mit "Basie als Basis"
Die Karslruher BOK-Bigband im Ettlinger Birdland59 Keller

Seit 1990 besteht die von Achim Ritter gegründete BOK-Bigband mit derzeit zirka 20 Musikern/Alles, was eine gute Bigband ausmacht. Brasspower, scharf gesetzte Riffs, ambitionierte Soli und kraftvoll treibende Rhythmen konnte der Jazzfan in der gemütlichen Atmosphäre des Ettlinger Jazzkellers erleben. Aus musikbegeisterten Amateuren besteht vorwiegend die Gruppe, teilweise durch Profis verstärkt. Unter der engagierten Führung durch Achim Ritter erreichte sie ein beachtliches Niveau, und sie zählt zu den bekanntesten Bigbands im Karlsruher Großraum.
Neu kam zur BOK-Bigband, die sich in den vergangenen Jahren immer wieder personell veränderte, der renommierte Gitarrist und Jazzkomponist Günter Moll aus Breiten (Die-delsheim). Seine CD-Einspielungen fanden in der Fachwelt besondere Anerkennung. Mit überaus fantasievollen und virtuosen Improvisationen zu dem Titel „Marguerite" demonstrierte Moll Seine enormen Fähigkeiten. Hervorragende Soli präsentierte er auch bei dem Stück „Fancy Pants". Der Beifall der Jazzfans war begeistert.
Gut an kam beim Publikum der Titel „Samantha" mit einem stimmungsvollen Saxofonsolo, einfühlsam dargeboten von Werner Michels. Einen fetzigen „Basie-Groove" mit Posauneneinlagen konnte man bei dem Stück „I Told You So" erleben. Mit vorzüglichen Klavier-Improvisationen präsentierte sich Thomas Heinzel bei „The Kid From Red Bank". Sein Spiel war geprägt von rhythmischer Präzision in Verbindung mit fein differenzierter Artikulation.
Auch das berühmte Stück „Sweet Georgia Brown" fehlte nicht. Mit Hingabe blies Werner Michels den Saxofonpart zur Ballade „A Warm Breeze", und mit schönem Ton gestaltete Heinrich Völlmer das Posaunensolo.
Der ziemlich neue Titel „The Joy of Cookin"(„Die Freude am Kochen") erklang am Ende des niveauvollen Jazz-Konzertes. Langanhaltend war der Applaus nach den temperament­
vollen Improvisationen. Die Gäste aus Karlruhe bedankten sich mit zwei weiteren Stücken, nämlich „Whirly Bird" und „Sam's Boogie". Der Zugabenteil endete dann mit einer reizvoll Verjazzung der Melodie „Auf Wiedersehen". Dass die BOK Bigband immer wieder gerne im Ettlinger Jazzclub auftritt, betonten die Musiker. 
ad

 

16.10.06 (BNN) Fortsetzung
"Musikalisch Baustelle"
Klaus Graf Quartett war im Ettlinger Jazzkeller zu Gast

Dabei gab es für die für Ettlinger Verhältnisse nicht so zahlreichen Fans die reizvolle Gelegenheit, eine musikalische Baustelle zu besichtigen. Denn der Altsaxofonist Graf, dessen Nähe zu Cannonball Adderley unüberhörbar ist, wird in nächster Zeit mit sei­nem Quartett eine neue CD einspielen: Daher trugen die neuen Kreationen aus eigener Feder auch noch Arbeitstitel wie „New Bossa“ oder „No Name Tune“. Im Klartext: An den Titeln wird noch gearbeitet.Deshalb klangen gerade diese Adaptionenauch noch nicht so ganz ausgereift, die Soli des expressiven Saxofons von Klaus Graf und des stets zwischen filigranen Läufen und fetten Blockakkorden wechselnden Olaf Polziehn standen manchmal eher nebenei­nander, anstatt sich wechselweise zu beein­flussen. Ohne gerade bei seinen eigenen Ti­teln muss sich Graf – der nach eigener Aussage derzeit eher zu „mehr Offenheit und ge­raden Rhythmen“ tendiert – fragen lassen, ob dieses Konzept nicht in Richtung von gro­ßer Beliebigkeit abdriften kann.Aber da gab es ja noch die Standards wie „On Green Dolphin Street“, die wunder­ schöne Ballade „If I Should Leave You Now“ als Duett zwischen Piano und Saxo fon und den „Senior Blues von Horace Silver, um nur einige zu nennen. Da gab es am Zusammenspiel zwischen Graf und Polziehn, der in Ettlingen seine‘ pianistische Sonderklasse ja auch schon in anderen For­ mationen unter Beweis gestellt hatte, nichts zu meckern. Und mit dem Bassisten Uli Glaszmann und dem Drummer Meinhard Obi Jenne war die Rhythmusabteilung aus gesprochen kompetent besetzt. Unterm Strich also ein schöner Auftritt mit kleinen Abstrichen – aber die Band arbeitet ja noch dran. Hgls

 

 

18.09.06 (BNN) Fortsetzung

Spannende "Ausreißer"
"Swinghouse All Stars" eröffneten die neue Birdland-Saison

So ging es denn musikalisch am Freitag im sehr gut besuchten „Birdland 59" ausgesprochen harmonisch zu und die einleitende Bemerkung von Pierre Paquette - „heute Abend spielen wir nur schöne Stücke" - wurde ein­drucksvoll bestätigt. An diesem Wohlklang hatte vor allem der in Boston geborene Pa­quette, im „Brotberuf" bei der SWR-Big-Band, großen Anteil. Sein Klarinettenspiel er­innert stark an Buddy de Franco, mit dem er auch zusammen auftrat, und auf dem Saxofon bevorzugt er ebenfalls einen warmen, reifen Ton„der bei Balladen wie „It had to be you" so richtig voll zum Tragen kam. Paquette ist auch als Vokalist überzeugend, wenn er bei Swing­standards wie „Exactly like you" entspannt an die guten, alten Swingtage erinnert.Im Trompeter Ralf Hesse hatte er einen kongenialen Frontman an seiner Seite, dessen In­terpretation der Ballade „In a sentimental mood" (auf dem Flügelhorn) nun wirklich zu einem Frontalangriff auf das Herz-Schmerz-Zentrum der Zuhörer gerieti Harald Schwer steuerte vom Flügel diverse inspirierte Soli bei. Und bei der rhythmischen Basis musste man sich bei so kompetenten Musikern wie Andy Streit (Bass) und Peschu am Schlagzeug ohnehin keine Sorgen machen.Der Auftritt bewegte sich also im Bereich des Swing, Unterabteilung melodiöse Balladen. Richtig spannend wurde es aber bei den „Ausreißern", wenn das Quintett in anderen Genres wilderte. Etwa bei einer fulminanten Interpre tation von Clifford Browns Bebop-Klassiker „Joy Spring". Oder als Pianist Harald Schwer seinen Vorsätzen untreu wurde. Denn vor dem Auftritt hatte er noch in der Garderobe kategorisch und etwas überauschend erklärt, dass er Boogie-Woogie „hasse". Aber dann müssen ihn die anderen Musiker doch irgendwie über zeugt haben und so ließen es die„Swinghouse All Stars" beim Ohrwurm„Drobs Boogie" so richtig krachen. Da gab es dann den meisten Applaus des animiert mitgehenden Auditoriums und so legten Paquette und Co mit Oldies wie„Permies from heaven" oder „Indiana" flugs tempomäßig noch etwas nach. hgk

 

Fortsetzung „Boogeloo Kings" 27.06.06(BNN)

Und sie halfen Yellow aus, die drei Mitmusiker: lautstark und stampfend bei „Hide Away", lautstark und dampfend bei „Diggin' My Potatoes", lautstark und rockig bei „Tired of This"; diese Nummer war es auch,:die den Geschmack der 70 Bluesfans augenscheinlich am stärksten herausforderte: Denn hier schritten die Vier über den Blues weiter hinaus, als jeder „Acidboogie""und all die anderen Mischungen aus Funk, Swing, Country und Jazz es vermochten. Falsche Befindlichkeiten blieben da auf der Strecke - laut musste es sein.
Das bedeutete aber nicht, die Band sei undifferenziert zu Werke gegangen. Vielmehr unterlegte der Schotte Collin Jamieson jedes Stück mit einem völlig eigenständigen Beat; sein Solo allein bewegte das Publikum auch zu Einrufen und Mitklatschen, er selbst seine Sticks auf tänzerisch-artistische Weise. Und ohne Robert Wayne am Bass, seit zwei Monaten anstelle Kevin Duvernays in der 2001 gegründeten Formation, hätte die Musik tatsächlich erreicht, wohin sie schon seit Plantagenzeiten strebt: die völlige Befreiung. Daneben demonstrierte der Heidelberger Martin „Professor" Czem-mel, dass laut so richtig erst im Kontrast zu leiseren Tönen wirkt. Die schlug er im „Slow Blues" an, den Yellow schalkhaft und im breitesten Badisch so erklärte: „Ich fang' an, und die steige ein." Gegeben seien bei allen Liedern, überwiegend selbst geschrieben, aber sowieso immer nur Treffpunkte, zwischen denen munter freies, solistisches Treiben herrsche.
Wozu eben auch das Harp-Spielen gehörte, über das Yellow wiederum witzelte: „S'kommt halt uff s Blose und Ziehe an." Sollte das wirklich das ganze Geheimnis gewesen sein, grenzte seine Perf ormance mit der reichen Klangfülle und großen Körperlichkeit (der rote Kopf, die flatternden , Lippen, das scheinbar schmerzhafte Sich-Winden) an das Wunderbare. So war es tatsächlich „a harp, gathering, telling, a harp of voices rembering a story" - die Geschichte intensivsten Lebens. 
rec

 

Fortsetzung BNN vom 17.06.06 
Musiker in feinstem Zwirn * Quartett von Brad Leali und Claus Raible

Der Altsaxophonist Brad Leali kommt aus dem schier unerschöpflichen Reservoir an guten Instrumentalisten, das die New Yorker Jazzszene zu bieten hat. Soll heißen, er verfügt natürlich über eine stupende Technik und einen in jeder Tonlage kraftvollen Ton, der immer wieder an den jungen Cannonball Adderley erinnert. Aber dazu kommt noch eine besondere Qualität, die Pianist Claus Raible in der Pause mit dem eigentlich unüber-setzbaren Begriff „soulfulness" auf den Punkt bringt: Das Gefühl für die expressiven Momente des Jazz und der ständig präsente Rekurs auf die afro-amerikanischen Wurzeln dieser Musik.
Hinzu kommt noch das traumhaft sichere Zusammenspiel der beiden Protagonisten des Quartetts. Raible und Leali musizieren seit über zehn Jahren miteinander; der Münchner Pianist begleitet den US-Kollegen seither immer wieder auf seinen Europatourneen, Das ergibt eine hervorragende Basis vor allem für die selbst geschriebenen Titel, die einen großen Teil des Auftritts ausmachten. Claus Raibles „Currawong" etwa war gleich ein aufregender Einstieg in den Abend. Und bei seiner Komposition „D.A.'s Time" bewies Brad Leali einmal mehr seine Fähigkeit, in eigentlich vorhersehbare harmonische Läufe immer noch ein trickreiches Vibrato oder eine unerwartete Synkope einzubauen. Der Preis für das schönste Titel-Wortspiel des Abends geht dann wieder an Raible, dessen präzises Spiel sehr an Bud Po-well orientiert ist: „Dinah might and Nick at night" war wirklich „dynamite" pur.
Die Rhythmusabteilung stand bei dem musikalischen Feuerwerk, dass die beiden Solisten abbrannten, bombensicher, Giorgious Anto-niou, in Griechenland geboren und nunmehr in der Schweiz lebend, legte mit seinem Bass das Fundament für die Improvisationen der Kollegen. Und verriet nebenbei mit seiner Komposition „Regarding O.P.", wer sein großes Vorbild, ist: die Jazzlegende Oscar Pettiford.
Und dann saß mit Alvester Garnett noch ein absolutes Energiebündel am Schlagzeug, der nicht nur jedes Tempo lässig mitging, filigrane Einlagen inklusive, sondern auch noch sichtlich Spaß am Auftritt in Ettlingen hatte. hgk

 

Fortsetzung der Pressekritik vom 4.04.06 "Ein inspierender Abend"

Da passte wirklich alles akkurat zusammen: Das eingespielte Trio - Bandleader Thomas Cremer am Schlagzeug, Bassist Martin Cjako-novski und der gut aufgelegte Thilo Wagner am Flügel - bewegte sich traumhaft sicher durch die Gefilde des Swing Jazz. Vor allem Thilo Wagner bewies einmal mehr, dass die regionale Szene den nationalen Vergleich nicht scheuen muss. Der in Karlsruhe auf gewachsene und nun in Stuttgart lebende Pianist zauberte eine schöne Harmonie nach der anderen aus dem Flügel und zeigte sich auch als „Nur"-Begleiter wie seine Kollegen allen technischen Anforderungen gewachsen. Und davon gab es einige.
Denn der versierte Drummer Thomas Cremer wollte sich keineswegs nur auf den Rhythmus beschränken, sondern sich auch hörbar in Szene setzen. So präsentierte das Trio einige unerwartete und nicht immer ganz nachvollziehbare Verschiebungen bei den Standards: Gershwins „Summertime" klang als Latinnummer ebenso gewöhnungs-bedürftig wie das gute, alte „After You've Gone" in einer ziemlich temporeichen Version, bei der immerhin auch der Mann am Bass solistisch glänzen durfte.
Aber das sind letztendlich Geschmacksfragen, ebenso wie das kaum zu fällende Urteil, welche der beiden Sängerinnen nun „besser" war. Eva Mayerhofer aus Heidelberg näherte sich den Gershwin-Standards in den Interpretationen von Nat King Cole - einem der beiden thematischen Schwerpunkte des Konzerts - eher von „außen": Sie hat die Vorbilder genau studiert und ist mit ihrer geschulten ausdrucksstarken Stimme in der Lage, Klassiker wie „Tenderly" oder „Embraceable You" ausdrucksstark und inspiriert zu interpretieren.
Ihre Kollegin, die in Zürich lebende Lily Thornton, ist stimmlich ebenso präsent, aber sie scheint sich den Vorlagen eher emotional zu nähern. Dies wurde besonders deutlich beim zweiten Thema des Abends: Ihre Hommage an die große Billie Holiday - als Höhepunkt ein Medley aus „The Lady", „Strange Fruit" und „Don't Explain" - war viel mehr als eine Coverversion. Die Sängerin schaffte es, die tragischen Untertöne des Lebens von Billie Holiday immer mitklingen zu lassen. Das waren dann die Momente des Konzerts, die buchstäblich ans Herz gingen. So gab es unterm Strich höchstens die Frage, welcher Zugang zu den Glanznummern der Swing- und Bluesära einem mehr zusagte.
Dass beide bei diversen Titeln wie dem Standard „All Of Me" am Anfang und dem unverwüstlichen „Route 66" am Programmende auch gemeinsam agierten, verstärkte den guten Gesamteindruck ebenso wie einige Instrumentaltitel, bei denen das Trio so richtig entspannt vor sich hinswingte.
hgk

 

Fortsetzung vom 14.02.06 in der BNN des Konzerts Tom Waits 
ist angekommen

Es war ein Konzert, bei dem man aus dm Staunen nicht herauskam. Denn nach einer hinreißend verschleppten Version des Bluesklassikers „Nighttrain" kletterte Rüdiger Frank auf den Barhocker und sang „Romeo is bleeding"; jene tief schwarze Herzschmerzballade von Tom Waits, die dem Projekt den Namen gegeben hat. Und man fragte sich: Woher nimmt der Zwergwüchsige bloß die Riesenstimme her? Das Rätsel klärte sich im Pausen-gespräch. Rüdiger Frank ist als Opernsänger derzeit in Essen engagiert, was ihn aber nicht daran hindert, gleichzeitig seit Jahren Leadsänger einer Gothic-Rockband zu sein. Und mit einem ironischen Seitenhieb auf seine Mitmusiker und das Programm erklärt er in aller Seelenruhe: „Mit Jazz habe ich nichts am Hut, ich singe nicht für die Schublade, sondern für die Leute da draußen" A|exander Sterzel - dass ein Schlagzeuger sich ans Klavier setzt und komponiert, ist ja nicht alltäglich - nimmt es gelassen. Wie beiden Kollegen Holger Götz (Klavier) und Wolfgang Mörike (Bass, ein Nachfahre des Dichters Eduard Mörike) spielt er ansonsten bevorzugt Oldtime-Jazz. Aber der Abstecher z« den schon ziemlich depressiven Songs von Tom Waits ist für ihn kein Stilbruch, sondern eine Herzenssache. Sterzel hat nämlich das Kunststück fertig gebracht, zu den Texten von Tom Waits Kompositionen zu schreiben, die so klingen, als hätte sie der Meister selbst verfasst.Und da kommt eben, quasi durch die Hintertür, dann doch der Jazz ins Spiel. Denn zum einen liefert das Trio in den ansonsten durchkomponierten Titeln immer mal wieder kleine improvisatorische Einlagen, zum andere gibt es neben eigenen Titeln auch Jazzstandards im Programm. So wird der Sterzel-Titel „Harlem Blues" einfach in das unverwüstliche „St. James Infirmary" (Jahrgang 1928) überführt und siehe da: Es passt alles hervorragend zusammen. Für Leute mit Liebeskummer ist ein solcher Abend natürlich nicht zu empfehlen, denn in den meisten Songs geht es darum, dass die Frau weg, die Sehnsucht aber noch da ist; Oder es wird die Stimmung thematisiert, wenn man nachts um drei einsam dem Morgengrauen entgegentrinkt. Für die Freunde großer Stimmen und intelligent-einfühl-samer Interpretationen von bluesigen Titeln aber kann ein solches Konzert eine wahre Labsal sein. Und so geriet das Publikum im „Birdland" im Laufe des Abends immer mehr ins kollektive Schweigen:Tom Waits ist nun auch in Ettlingen angekommen.Heinz Klusch

 

 

Fortsetzung vom 16.01.06 in der BNN des Konzerts
"CHAMELEON" m. Karl Frierson und Efva Letticia am 13.01.06

Die Höhepunkte vor vollem Haus setzten die beiden Vokalisten, mit denen Steffen Dix seine Stammformation (Christian Maurer an, den Tasten und der Schlagzeuger Daniel, Müller) angereichert hatte. Da war zum einen die amerikanische Sängerin Eva Letticia, die in der Region durch ihre Zusammenarbeit in den ver schiedensten Gruppen hinreichend bekannt ist. Zwei Dinge zeichnen die Vokalistin aus: Zum einen eine ausdrucksstarke Stimme, die auch jazzmäßig phrasieren kann, zum anderen aber ein traumhaft sicheres Gespür dafür, welche Titel zu dieser Stimme passen. An diesem Abend war neben dem Standards wie „Perfidia" oder der Kellerhymne „Lullaby Of Bird land" vor allem Latin angesagt. Dazu gehörten nicht nur einige Bearbeitungen bekannter Titel, sondern auch die Interpretation des Klassikers „Obsession", bei dem die kurze Diskussion auf der Bühne, ob man das eher mit „Besessenheit" oder mit „Leiden-schaft" übersetzen solle, fast überflüssig war: Eva Letticia kann mit ihrer Stimme beides zugleich ausdrücken. Und dann kam der große Auftritt von Karl Frierson. Der Amerikaner mit der Wahlheimat Lindau ist inzwischen als Vokalist von „D-Phazz" langst in die Europaliga der Profis aufgestiegen, spielt aber auch immer gern noch mit seinen alten Kumpels zusammen. Und er kann drei Dringe besonders gut: singen, Bongo spielen und bestens gelaunt das Publikum unter-halten. Da wurde dann aus dem „Nature Boy", einem Jazztitel, der Koriphäen wie Nat King Cole über Miles Davis bis zu John Coltrane kreativ beschäftigt hat, ein furioser Ritt durch die rhythmischen Bereiche des funkorientierten Jazz und die Möglichkeiten einer ge-schulten, ausdrucksstarken Stimme - und dies mühelos über mehrere Oktaven. Das steigerte sich noch beim eigentlich abgespielten Ohrwurm „Mercy, mercy, mercy", bei dem im Publikum sogar ansatzweise Partystimmung aufkam. Ohnehin ließ sich die begeisterte Zuhörerschaft von Frierson immer wieder zum Mitsingen und -klatschen animieren.Das einzige kleine Fragezeichen, das man hinter dieses kraftvolle Konzert setzen muss, betrifft Christian Maurer. In der Jazzszene ist er ein Unikum, denn er bringt das Kunst-stück fertig, mit der rechten Hand auf dem Klavier zu spielen, während die linke auf einem Keyboard die Basslinien für die Band beisteuert. Das gelang auch meistens, aber bei den Tempostücken und einigen Solopassagen (mit einer Hand) vermisste man den eingesparten Bassisten denn doch. Aber das sind Kleinigkeiten.Wenn man einen Frontmann wie Karl Frierson hat, nebenbei auch ein Percussionist von Graden, braucht man sich um ein gelungenes Konzert keine Sorgen zu machen. hgk

 

2005

11.11.05 (BNN)

Ein warmer Ton bei schönen Läufen
„Unerhörte" Einlage im Ettlinger Jazz-Club Birdland: Ack van Rooyen sang „Angel Eyes"

Das war vorher nicht unbedingt zu erwarten. Sicher, Ack van Rooyen führte mit seinem Flügelhorn jahrelang die Europaliga an; von seinen zahllosen Formationen sei nur das legendäre „United Jazz&Rock Ensemble" erwähnt, das er mitbegründet hat. Aber der Meister ist mittlerweile 75 Jahre alt geworden, und da kann die Arbeit mit Trompete und Flügelhom schon beschwerlich werden. Aber bereits beim ersten Titel „The Touch Of Your Lips" wischte van Rooyen alle Bedenken vom Tisch. Ein elegantes Solo gleich zu Beginn zeigte dem Publikum und den Musikern unüberhörbar, über welche stupende Qualitäten der spielende Holländer verfügt. Und vor allem präsentierte er sein Markenzeichen: Den warmen Ton, mit dem er seinem Instrument die schönsten Läufe entlockt, macht ihm so schnell keiner nach. Zu seinem Ettlinger Auftritt im Rahmen einer ausgedehnten Geburtotagstournee hatte er ein Quartett mitgebracht - van Rooyen: „Außer dem Pianisten alle» Kinder aus erster Ehe" - das sich aus süddeutschen Musikern zusammensetzte. Und weil ein Musiker, der wie van Rooyen derart souverän die technischen Schwierigkeiten seines Instrumente und die musikalische Reichweite des swingenden Mainstreams beherrscht, sich nichts mehr beweisen muss, ließ er den „Youngstern" auch viel solistischen Auslauf.
Da blühte dann vor allem Bassist Jens Loh richtig auf, der mit diversen Soli, etwa beim latin-orientierten „My Idea", diverse Glanzlichter zündete. Dem setzte Pianist Uli Möck, in Ettlingen als ständiger Begleiter von Peter Lehel hinreichend bekannt, virtuose Läufe auf dem Flügel entgegen, wenn er nicht zusammen mit dem Drummer Jens Düppe den Rhythmus grundierte. Und der Mainzer Altsaxofonist Ulli Jünnemann lieferte sich mit van Rooyen häufig wunderschöne „Duelle", wenn die beiden das jeweilige Thema aufteilten und sich die harmonischen Bälle zuspielten. Bedingt durch die Tonlage und das Temperament des Flügelhorns bewegten sich die meisten Titel eher im Bereich der swingenden Balladen, aber beim „Boris Blues" vor der Pause bewies das Quintett, dass es auch kräftig zupacken kann. Spätestens dann war das Auditorium im ausverkauften Birdland-Keller schon ins kollektive Schwelgen verfallen und das setzte sich im zweiten Set ohne Abstriche fort. Und bevor van Rooyen mit einer bärenstarken Version des „Basin Street Blues" seine Geburtstagsfeier beendete, gab es noch eine bislang „unerhörte" Einlage. Beim Standard „Angel Eyes", vor allem durch Frank Sinatra hinreichend bekannt, griff der Meister zum Mikro und sang eine Strophe. 
Heinz Klusch 

5.11.05 (BNN)
Spielfreude belebte Spendenfreude
Vier Combos der Musikschule musizierten 201 Gunsten des Hospizes 
1700 Euro eingespielt


Zur Spendenfreude gehört, offensichtlich, Freude - und die kam gleich am Anfang auf:„The Freschmen", vier zwölfjährige Schüler der Musikschule, eröffneten die Nacht der munteren, frohen, freudigen Klänge, Auf die „Youngster" folgten „Erwachsene, um es nicht zu krass auszudrücken“, wie Werner Mayer vom Birdland witzelte: „Play Jazz" spielten Gershwins berühmtes Stück „Summertime", das als „roter Faden" die Veranstaltung durchziehen sollte. Anders als ihr Name, beschränkten ach die fünf Musiker indes nicht nur auf reinen Jazz; vielmehr waren es gerade Latin-Titel wie „Black Orpheus", die die Stimmung hochkochten.
Ein Höhepunkt schloss sich an: „Jazzable", wie die vorherige Formation von Musikschullehrer und Gitarrist Thomas Katz trainiert, sorgten mittels stilistischer Höchstleistungen für rauschenden Beifall. Zunächst war es Tobias Leppert an der virtuos gespielten Posaune, der Zwischenrufe evozierte. Ihm saß der Schalk im Nacken: So flocht er zur allgemeinen Belustigung in Soli schon mal „Hänschen klein" ein. Die Rufe häuften sich aber nochmals als Susi Herzberger zu singen begann: Vor bei Norah Jenes' sanftem „Don't Know Why“ und Ray Charles' kraftvollem „Hallelujah" verzauberte ihrer Stimme, die an einigen Stellen jener Sanchita Farruques glich. 
Druckvoll beschloss die Big Band der Musikschule schließlich die Veranstaltung: Immerhin 18 Köpfe, zählte sie, darunter allein zwölf Posaunisten. Erst Anfang Oktober in dieser Besetzung zusammengekommen, leistete sie unter der Leitung von Half Hille Beachtliches. Eine voluminöse Interpretation der Filmmusik zum„Raumschiff Orion“ etwa, oder die druckvolle „ Drum Machine". Beim Stück „How High The Moon" schließlich bewies Lisa Müller ihre gesanglichen Fertigkeiten. 
So klang die Benefizveranstaltung furios aus - allerdings nicht nur unbekümmert; Denn Wied verband seinen Dank am Ende mit knappen Worten zum Hospiz: Ab März würden dort Schwerstkranke und Sterbende aufgenommen, um „möglichst schöne und schmerzfreie letzte Tage zu verleben". Dazu hatten die Besucher an diesem Abend ihren Beitrag geleistet. 
(rec)

29.10.05 (BNN)
Ein starker Auftritt mit Don Menza

Menza ist nicht nur ein virtuoser Instrumentalist, der auch mit knapp siebzig Jahren noch über einen kraftvollen Ton und schier schwindelerregende Läufe auf seiner „Kanne“ verfügen kann. Er kultiviert auch seine Marotten mit Hingabe, etwa bei der Entscheidung, welcher Titel denn nun gerade gespielt werden soll. Da wühlt er mit Hingabe in seinen Notenblättern und sorgt mit den zündenden Kommentaren für ziemliche Heiterkeit bei seinen Mitmusikern und beim Publikum. Oder er setzt wie beim Beginn des Auftritts zu einem langen Solo an, das – gespickt mit Anspielungen und musikalischen Zitaten – zu einer Art Wundertüte wird: Irgendwann ist Menza dann beim eigentlichen Thema angekommen; in diesem Fall war es der Standard „Perdido“.
Ein solches System funktioniert natürlich nur, wenn man Mitspieler hat, die auf alles gefasst sind und sich im gesamten Repertoire auskennen. Und da ist es natürlich ein immenser Vorteil, dass das Trio des Münchner Schlagzeugers Harald Rüschenbaum – komplettiert durch den exzellenten Pianisten Walter Lang und Henning Sieverts am Bass – Menza auf vielen Deutschlandtourneen begleitet hat. So zeigten sich die Begleiter denn auch keineswegs überfordert, als der Meister sich etwas überraschend aus der Dixielandschublade bediente: „After you’ve gone“, in einem absoluten Höllentempo gespielt, und „I found a new baby“ wurden in der Interpretation von Menza & Co zu aufregenden Hörbeispielen für die Art von kraftvollem Mainstream-Jazz, bei dem sich Menza stilistisch seinen Vorbildern Sonny Rollins und Gene Ammons verpflichtet zeigte.
So kamen die zahlreichen Zuhörer im „U-Boot“ voll auf ihre Kosten. Wer es gerne kraftvoll liebt, der war bei den langgezogenen Duellen zwischen Schlagzeug und Saxophon gut bedient. Zu den schönsten Momenten des Abends gerieten aber die eher „leiseren“ Titel. Etwa die Menza-Komposition „Broad bottom“ – einer etwas korpulenten Jazzsängerin gewidmet – bei der Henning Sieverts am Bass den Ton und das Thema vorgab: Das klang beinahe so wie die Erkennungsmelodie eines Fernsehkrimis aus den 5oer Jahren. Oder dann bei der Ballade „Old folks“, die Bing Crosby bekannt gemacht hatte. Da schwelgte Menza in warmen Tönen und Walter Lang zauberte lustvoll eine schöne Harmonie nach der anderen aus dem Flügel.
Heinz Klusch 

 

Fortsetzung Annette NeufferQuintett vom 5.10.05

Indes, gleich der erste Titel, die Schmusenummer „I only have eyes for you", machte hörbar, dass man der Musikerin mit dem plakativen Prädikat „Starke Frau" nicht gerecht wird. Als Sängerin und instrumental setzt Annette Neuffer auf Harmonie und Wohlklang statt auf geballte Kraft und lautstark umgesetzte Emotion. So greift sie eher zum wärmer klingenden Flügelhorn als zur Trompete, vermeidet bei ihren Soli extreme Tonlagen und gewagte Akkordsprünge und bleibt stimmlich in einer moderaten Mittellage. Das klingt zunächst etwas gewöhnungs-bedürftig, denn bei ihren Adaptionen von Swing standards und vor allem bei den Bluestiteln vermisst man schon die Entschlossenheit, mit vollem Einsatz in das Stück einzusteigen. Aber schnell merkt man, dass diese Zurückhaltung auch ihren Reiz hat. So mancher Ohrwurm klingt auf einmal ganz anders und da Annette Neuffer viel Wert auf eine sehr präzise Intonation legt, erhalten die Texte hier auch einen ganz neuen Stellenwert.
Dann sorgten die vier begleitenden Männer dafür, dass musikalisch ganz andere Saiten aufgezogen wurden. Allen voran Claus Koch, mit dem Annette Neuffer in der Bayrischen Gemeinde Reichertshausen zusammenlebt und auch seit über zehn Jahren gemeinsam musiziert. Der versierte Tenorsaxophonist steuerte die virtuosen Soli bei, lieferte sich aber auch mit dem Flügelhorn seiner Partnerin immer wieder reizvolle Duette. Vor allem bei den schnelleren Titel wie „long ago and far away" aber auch bei dem hinlänglich bekannten „Summer Samba" sorgte er im Verein mit dem versierten Pianisten Bernhard Pichl dafür, dass man sich nicht nur dem Wohlklang hingab, sondern auch rhythmisch einmal in andere Lager wechselte. Für den Rest des Quintetts - den Schlagzeuger Jens Düppe und Rudi Engel am Bass - war dieser Auftritt in Ettlingen ohnehin fast ein Heimspiel. Denn beide hatten mehrfach in anderen Formationen gastiert und bewiesen ihr Talent, rhythmisch präzise und inspiriert begleiten zu können. 
Heinz Klusch

 

Fortsetzung "Witchcraft" vom 13.09.04


Musste man vor einem Jahr noch konstatieren, dass zu Beginn des Auftritts die Titel etwas lieblos heruntergespielt wurden, so war dieses Mal alles ganz anders. Mit dem fetzigen „Juicy Lucy" von Horace Silver war das Trio sofort auf Betriebstemperatur: Bassistin Lindy Huppertsberg und Carola Grey am Schlagzeug sorgten für das rhythmische Fundament und Anke Helfrich zauberte eine schöne Harmonie nach der anderen aus dem Bechstein-Flügel. Und da Frauen viel von Gleichberechtigung halten, durften sich auch alle drei solistisch entfalten.
Dass sich das Trio von Beginn an als musikalische Einheit präsentierte, liegt sicher auch daran, dass man inzwischen viele gemeinsame Auftritte hinter sich gebracht hat, bei denen häufig der Tenorsaxofonist Stephan Abel als Gast beteiligt war. Der stieg dann beim zwei ten Titel - dem wenig gespielten „The Jody Grind" von Horace Silver - gutgelaunt als „Quotenmann" ein und von da an lief das Kon-
zert wie am Schnürchen. Denn Abel ist nicht nur ein technisch sehr versierter Saxofonist, er kann auch ungemein filigran spielen. Dass bei den expressiven Soli von Abel das Klavier von der Lautstärke her etwas unterging, kann auch die beste Tontechnik wohl
nicht vermeiden. Dafür entschädigten aber die Balladen. Schon bei der Ellington-Nummer „In A Sentimental Mood" im ersten Teil lief Anke Helfrich zu Top-Form auf. Das steigerte sich dann noch bei „Whisper Not", einer Komposition des Hardbop-Romantikers Benny
Golson: So „schön" kann Jazz klingen, wenn das Thema harmonisch nachvollziehbar entfaltet und dann einfühlsam interpretiert wird.
Bei diesem strahlenden Glanz auf der Bühne war übrigens auch der Club beteiligt: Man hat in der Sommerpause eine neue Beleuchtung in stalliert, die das Kellergewölbe noch schöner illuminiert. Ein guter Start des „Birdland 59" in die neue Saison.
Heinz Klusch

 

(BNN 6.06.05)
Erneut glanzvoller Auftritt von Melva Houston im Ettlinger Jazzkeller „Birdland"

Es waren überhaupt die kleinen Abweichungen, die den Reiz des Konzerts ausmachten: Gershwins bewährte Vorlage ..Summertime" klang in einer Latin-Version ganz anders; auch „Softly As A Morning Sunrise" war rhythmisch nach Südamerika ausgelagert. Daneben gab es natürlich noch die obligaten Glanznummern; etwa ein ausgedehntes Blues-Medley vor der Pause, den Ellington-Klassiker „Caravan" und natürlich ihr Paradestück „Fever", bei dem es im Jazzkeller schon ganz schön schwül wurde.

Zu all diesen Titeln braucht man natürlich eine Band, die bereit und in der Lage ist, sich auf all diese Exkurse quer durch die Spielweisen des Jazz einzulassen. Und da war es schon ein Vorteil, dass Melva Houston mit einer Ausnahme - der Drummer Günter Schulz - mit der gleichen Truppe wie letztes Jahr antreten konnte: Rainer Frank(Bass), dem Satansgeiger Hajo Hoffmann und Martin Giebel (Klavier). Da passte alles hervorragend zusammen, vor allem dann, wenn sich Hoffmann und Houston mit Geige und Stimme schwindelerregende Duelle lieferten. Oder wenn der ungemein präzise Pianist quasi mit der linken Hand eine schöne Bluesharmonie nach der anderen aus dem Flügel zauberte.

So war es eigentlich ein Konzert, wie man es erwarten konnte - und das muss ja nicht schlecht sein. Aber es war dann doch ein bisschen anders als im Vorjahr - und der Anlass dafür war traurig. Schon eine Spiritualeinlage - das sehr schön gesungene „Grandma's Hand" ließ aufhorchen und auch sonst gab Melva Houston nicht die Stimmungskanone, wie man sie auch schon erlebt hatte. Der Grund: Am Vortag hatte sie die Nachricht erhalten, dass ihr Vater in den USA gestorben war. Dass sie das Konzert trotzdem durchzog, spricht für die professionelle Einstellung, ist aber nicht selbstverständlich. Vielleicht konnte sie ja auch für drei Stunden abschalten. hgk

 

9.05.05 (BNN)
Musikalische Stationen des Lebens
Das Anke-Helfrich-Trio begeisterte im Ettlinger Jazzkeller erneut sein treues Publikum am 6.05.05

Von Anfang an herrschte eine gemütliche Atmosphäre im urigen Jazzkeller der Ettlinger Musikschule. Das Publikum hatte an den runden Tischen und an der Bar Platz genommen und wartete, bewirtet durch den Ettlinger Jazzclub, auf den Auftritt jener jungen Blonden, die den Jazzkeller in den letzten Jahren schon so manches Mal zum Beben gemacht hatte. Anke Helfrich betrat die Bühne mit ihrem Bassisten Martin Gjakonovski, dem Schlagzeuger Alan Jones und ihrem langjährigen Freund, dem Saxophonisten Johannes Enders. Gelassen nahm sie am Flügel Platz und eröffnete den Abend mit ruhigen und melodischen Klängen. Gedankenversunken blickte manch einer im Saal auf sein Weinglas.
Kurz darauf legte das Quartett dann richtig los. Unter begeistertem Pfeifen aus dem Publikum spielte man ein brillantes Stück nach dem anderen und ließ es bei der Interpretation an Aussagekraft und Lebendigkeit nicht mangeln. Alle vier Musiker hatten sichtlich viel Spaß an der Arbeit. Ihre Freude an der Musik und ihre große Leidenschaft zu der Vielfältigkeit des Jazz teilten sie mit dem Publikum, das durch Wippen und Schnipsen anzeigte: Hier seid Ihr richtig. Einen Großteil der Stücke hat Anke Helfrich, die am Jazz vor allem die kreativen Möglichkeiten schätzt, selbst geschrieben. Häufig geben sie Stationen aus dem Leben der weit gereisten und sehr humorvollen jungen Frau wieder. „Moving In" nannte sie zum Beispiel ein fröhliches, teils auch ein bisschen melancholisches Stück, das sie bei einem Umzug geschrieben hatte. Für viel Begeisterung sorgte auch das Stück „Upper West Side", das Anke Helfrich geschrieben hatte, als sie einst in New York gegenüber einer Feuerwehrausfahrt wohnte. Das Stück ließ den Zuschauer die Situation miterleben: Hier ist immer was los. Die Hektik der Feuerwehreinsätze und auch die große Routine wurden durch schnelle Musik und ein lautstark dominierendes Saxophon sehr fantasievoll wiedergegeben.
Helfrich beherrschte den Flügel, als sei er ein Teil von ihr und auch die anderen Spieler, deren Instrumente abwechselnd immer wieder in den Vordergrund traten, boten dem Publikum hier Jazzmusik der absoluten Spitzenklasse.
Seit ihrem ersten Auftritt im März 2002 ist Anke Helfrich ein fester Bestandteil des alljährlichen Jazz-Club-Programms und darf nicht fehlen. Sie selbst hat das Gefühl, in Ettingen „gut aufgehoben zu sein" und mag die gemütliche Atmosphäre des Jazzkellers. Nicht zuletzt ist es die großartige Resonanz der Zuhörer (auch in diesem Jahr blieb kaum ein Platz im Jazzkeller frei), die sie immer wieder nach Ettlingen zieht. Wenn sie eingeladen werde, so verspricht Helfrich, werde sie auf jeden Fall schon bald wieder hier auftreten. 

sol

 

7.03.05 (BNN) Forsetzung

Scott Hamilton & Olaf Polziehn

Wie es sich gehört, wurde zunächst das begleitende Trio vorgestellt. Bei der Eigenkomposition „Soon" wurden auch schnell die Qualitäten der Musiker deutlich. Olaf Polziehn ist ein technisch versierter Pianist mit einem begrüßenswerten Hang zu schön klingenden Harmonien und fließenden Übergängen. Bassist Igmar Heller teilt mit dem versierten Schlagzeuger Jens Düppe nicht nur das Gefühl für den präzisen Rhythmus, er ist auch jederzeit zu einem kraftvoll-beseelten Solo in der Lage. Zudem hatten Polziehn und seine drei Kollegen ihre „Hausaufgaben" gemacht: Obwohl dies der erste gemeinsame Auftritt mit dem vorwiegend in London lebenden Hamilton war, klang es von Anfang an gleich so, als hätten sie schon jahrelang zusammen gespielt.

Neben Bekanntem wie dem Ohrwurm „Flamingo" oder Coleman Hawkins „Get happy" hatte Hamilton auch eher unbekannte Titel wie Hoagy Carmichaels „Skylark" oder Woody Hermans „Apple honey" ausgesucht. Und er bewies gleich bei den ersten Tönen seine Ausnahmequalitäten. Ein kraftvoller Ton und eine stupende Technik sind dabei die Voraussetzungen für die wunderschönen Läufe, die er seinem Tenorsaxofon entlockt. Dabei kommt es ihm weniger auf expressive Kraftakte an, sondern auf die swingenden Harmonien. Aber die elegante Grandezza, mit der er sich durch seine Schwindel erregenden Soli bewegt, täuscht:
Da steckt sehr viel intensive Beschäftigung mit den Themen und den musiktheoretischen Vorgaben dahinter.

Seine unüberhörbare Vorliebe für den swingenden Jazz der 40er und 50er Jahre hat Ihm gelegentlich den Vorwurf des „Revival Musikers" eingebracht. Hamilton sieht das gelassen. „Ich fühle mich überhaupt nicht anachronistisch", erklärt er beim Gespräch in der Pause, „ich spiele einfach die Musik, die ich mag. Und offenbar scheint die den Leuten zu gefallen. Im voll besetzten „Birdland 59" gab es dann Ovationen, auch von Womi Schmidt, dem Jazzredakteur des SWR-Fernsehens, der zum ersten Mal im Club war: „Ich hatte zunächst Bedenken, ob man im Keller keine kalten Füße bekommt. Aber das ist nicht eingetreten, im Gegenteil, bei der Musik wird einem richtig warm ums Herz."

Heinz Klusch

Fortsetzung Parforceritt durch den Bebop.
Der gebürtige US-Amerikaner stand überhaupt im Zentrum des Treibens; er gab die
Kommandos an seine Mitspieler, die er einzählte und die er vor manchem Stück noch ein mal an dessen Raffinessen zu erinnern schien. Dann rammte der WDR-Big-Band-Solist seine Trompete etwa bei seiner Eigenkomposition„Frisky" kerzengerade vor sich in die Luft - und den Raum durchschnitten scharfe, chromatische Sechzehntelpassagen, denen kurze Pausen ein zerrissenes Gepräge gaben. Danach stand Marshall wieder wippend und mit gebeugtem Kopf auf der Bühne, sein In strument wie eine Rassel vor sich schüttelnd. Es war dann an anderen, ihre Soli vorzutragen. Die wilden, atonalen Läufe des Holländer Fer dinand Povel am Tenorsaxofon standen dabei jenen Marshalls in nichts nach. Im Duett und im Duell warfen beide oft auch einzelne Melodiefetzen ein, ein Merkmal des Bebop.

Pressebericht vom 19.01.05 (BNN)

„Hier ist alles so ruhig und sauber“
Begegnung mit Guenwgha Lee vom koreanischen Fernsehen im Ettlinger Birdland59

 

GUENWHA LEE, Produzent eines koreanischen Musikunternehmens, schaut sich auf der Suche nach guter Musik auch im Ettlinger "Birdland" um


„Hier in Ettlingen ist alles so ruhig und sauber - und der Jazzclub ist sehr seltsam!!" Diese Einschätzung von Guenwha Lee bedarf dann schon der Nachfrage. Und da stellt es sich schnell heraus, dass Herr Lee das „Birdland 59" deshalb so „seltsam" findet, weil es in seinem Heimatland solche Jazzkeller einfach nicht gibt: „Bei uns existieren reine Jazz-Lokale ohnehin erst seit zehn Jahren, aber eben nicht in Kellern. Aber hier fühlt man sich so richtig wohl."
Dass Guenwha Lee schon zum zweiten Mal in Ettlingen weilt, hat einen guten Grund. Denn am Dienstagabend drehte ein vierköpfiges Team der koreanischen Station KB S - durchaus unserer ARD vergleichbar –eine TV-Dokumentation über die Gruppe „Salta Cello" um die beiden Jazzbrüder Schindler und den Saxofonisten Peter Lehel. Und Guenwha Lee, Produzent bei der Plattenfirma Good International Co. in Seoul, hat sowohl mit „Salta Cello" als auch mit den Musikern Platten produziert, die offenbar in Korea auf großes Interesse stoßen. „Es gibt sogar ein eigenes Plattengeschäft nur für Salta Cello' - und immer wenn die Gruppe hier auftritt, kommen sehr viele Leute."
Vor mehr als fünf Jahren kam es auf verschlungenen Wegen zu ersten Kontakt zwisehen Peter Schindler, dem Pianisten der Band und dem umtriebigen Plattenproduzenten. „Die erste geplante Tournee fiel buchstäblich ins Wasser. Denn in diesem Sommer regnete es derart stark in Korea, dass wir alle Open-air-Konzerte absagen mussten."
Aber inzwischen hatte „Salta Cello" schon diverse erfolgreiche Auftritte und auch Peter Lehel trat mit seinem Quartett sogar schon in Fussballstadien auf. Was begeistert die koreanischen Fans nun ausgerechnet an dieser Musik. Herr Lee gerät ins Schwärmen: „Das ist eine wunderbare Crossover-Musik, eine Mischung aus Klassik und Jazz, bei der vor allem das Cello wie eine Stimme klingt. Und wir Koreaner lieben Musik mit lyrischen Untertönen und sind überhaupt sehr musikbegeistert."
Und sie singen wohl auch gern. Denn Guenwha Lee, nach seinen eigenen musikalischen Meriten befragt, gesteht: „Ich konnte noch nie ein Instrument spielen, das einzige sind die koreanischen Volkslieder, die ich gerne singe - bare natürlich nicht in der Öffentlichkeit."
So versucht er denn hauptsächlich gute Musiker herauszufinden und diese in Korea bekanntzumachen. Und so erfahren nun auch die koreanischen Zuschauer, wie in Ettlingen gejazzt wird. 
Heinz Klusch

2004

21.12.04 (BNN)
Eine eingespielte Jazz-Formation 
Die Gruppe "Kicks´n Sticks überzeugte beim Auftritt im Ettlinger Birdland59.
Es ist Tradition geworden, dass eine Jazz Big-Band das Jahr im „Birdland 59" be-
schließt. So war am Wochenende die Formation „Kicks'N Sticks" angesagt, bislang eher ein Insidertip, wie die Anwesenheit zahlreicher aktiver Musiker aus der Region im Publikum belegte. Aber der „normale" Jazzfan dürfte nun wissen, dass die 2001 gegründete Truppe aus dem Rhein-Neckar-Raum eine eingespielte Einheit ist, die in der Sparte „Big-Band" national kaum Konkurrenz zu fürchten hat. 

6.11.04 (BNN-Ettl.)
Die reine Kraft der Musik
"The New Orleans Gumbo Crabs" gastierten im Birdland59
Unter „Gumbo" versteht man in New Orleans eine äußerst scharf gewürzte Suppe auf Fisch- und Meerestierbasis. Wenn sich nun sine Jazzband „The New Orleans Gumbo Crabs" nennt, dann enthält das für den Jazzfan eine eindeutige Botschaft: Angesagt ist Dixieland, mithin in Arrangement und Besetzung die „weiße" Spielart der Musik, wie sie vor über 100 Jahren in New Orleans zuerst von schwarzen Musikern kreiert wurde.

18.10.04 (BNN-Ettl)
JUSTYN TIME 
Draußen regnete der Herbst auf die Straßen,im Ettlinger Jazzclub Birdland59 aber hielt der karibisch-afrikanische Sommer Einzug: Dafür sorgten „Justyn Time“, eine sechsköpfige Formation aus dem Raum München, die ihre neue dritte CD „The day before tomorrow" vorstellten. Wie die verschiedensten Musikstile von Jazz über Latin bis Soul miteinander verschmolzen, um den Band-Sound zu erzeugen, so schmolzen auch die starren Mienen der rund 80 Zuhörer schnell dahin. 

25.09.2004 (BNN-Ettl)
Jubiläumskonzert "10 Jahre Jazz-Club Ettlingen" in der Schlossgartenhalle
Werner Mayer war am Donnerstagabend zurecht stolz, denn es galt, gleich zwei Anlässe zu feiern: Den zehnten Geburtstag des Ett-linger Jazzclubs „Birdland 59", dessen Vorsitzender er ist, sowie die Eröffnung des swingenden Domizils des Clubs im Keller der Musikschule vor fünf Jahren. Am meisten aber freute Mayer, dass der Club in dieser Zeit offensichtlich zu einer festen Größe im Ettlinger Kulturleben geworden ist. Sichtbarer Ausdruck: 550 Zuhörer waren in die Schlossgartenhalle zum großen Geburtstagskonzert gekommen, darunter auch der bekennende Jazzfan Erwin Vetter.